Was ich in London für’s Leben gelernt habe

By 8. Januar 2016 Großbritannien, Städtereisen
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Es ist (puh!) schon etliche Jahre her, dass ich in London gelebt habe. Welche Erfahrungen ich dabei gemacht habe? Auch rückblickend kann ich sagen, dass es sich dabei um eine der besten Entscheidungen meines Lebens gehandelt hat. Ich war Mitte Zwanzig  und wollte unbedingt längere Zeit im Ausland leben. Die Chance bot sich mir, als mein damaliger Arbeitgeber ein kleines Büro in London eröffnete und jemand suchte, der dort arbeiten wollte. Ich hab’s gemacht und diesen Schritt nie bereut. Es war manchmal einsam, ich musste mich durch einige Widrigkeiten durchkämpfen und es hat mich meine damalige Beziehung gekostet. Trotzdem – die fast anderthalb Jahre sind mir in bester Erinnerung geblieben.

Liebe Deine Muttersprache

Mein Englisch war bei meiner Ankunft in London, nun ja, ausbaufähig. Wenn mir jemand mit irgendeinem Slang um die Ecke kam, war ich sofort aufgeschmissen, weil ich nichts mehr verstand. Umgekehrt sind mir aber auch viele Briten begegnet, die ihre Muttersprache so absolut perfekt, wohl geschliffen und akzentuiert gesprochen haben, dass ich einfach nur an ihren Lippen hing. Es klang wie Musik in meinen Ohren. Und diese Redewendungen. Ich war fasziniert und hätte stundenlang zuhören können. Dadurch habe ich auch die Vielfalt der deutschen Sprache noch mehr schätzen gelernt und ich bin erklärtermaßen kein Fan von Mundart (auch wenn ich als geborene Thüringerin wahrlich nicht mit Hochdeutsch aufgewachsen bin…)

Nirgendwo habe ich so gut gegessen wie in London

Ganz im Ernst! Der englischen Küche hängt hartnäckig der Ruf nach, dass sie sich nicht gerade vor Raffinesse überschlägt, was möglicherweise stimmt, wenn man traditionelle Hausmannskost (bzw. Pub Food) meint. Aber London hat so viel mehr zu bieten! Ich habe so ziemlich alles ausprobiert, was ich an internationalen Geschmacksrichtungen aufspüren konnte. Der melting pot London mit seinem Nationengemisch macht es möglich, sich quasi durch jede Landesküche zu futtern, die es weltweit gibt. Keine Ahnung, wie viel Geld ich in Restaurants versenkt habe, den billig ist’s dort nicht gerade. Glücklicherweise gehörte es damals auch zu meinem Job, an dem einen oder anderen Geschäftsessen teilzunehmen, was ebenfalls dazu beitrug, mein kulinarisches Spektrum zu erweitern. Ich habe so viel kennengelernt und fantastisch gegessen, dass ich noch heute ins Schwärmen gerate, wenn ich an meine Londoner Zeiten denke. Meine Experimentierfreude in Bezug auf Essen hat dort eindeutig seinen Anfang genommen.

Locker plaudern gehört einfach dazu

Ich bin nicht gerade die Smalltalk-Queen und ziehe mich ganz gerne zurück, wenn es zu „turbulent“ wird. Umso netter fand ich es, dass viele Briten äußerst zugänglich waren und Interesse an ihrem Gegenüber signalisierten. Nur oberflächliches Geplapper? Kann sein, aber als Ausländer kann man es durchaus schätzen, wenn man nicht jedes Mal einen Klimmzug machen muss, um eine Konversation zu starten. Umgekehrt gebe ich mir mittlerweile selbst öfters einen Ruck, um ein Gespräch anzufangen.

Hallo, merkt hier keiner, dass es kalt ist?

Eine Eigenart, die ich definitiv NICHT übernommen habe, ist die (scheinbare) Kälteunempfindlichkeit der Britinnen. Wie oft habe ich beim Einsteigen in die Londoner Tube entgeistert auf die nackten Beine einer Passantin vor mir geschaut, die ungeachtet von Minusgraden ohne Strümpfe herumlief. Brrr, nichts für mich!

Schlange stehen wurde mutmaßlich in Great Britain erfunden

Briten warten geduldig aufgereiht an Bushaltestellen, vor Nachtclubs, Restaurant oder an der Supermarktkasse und erbringen damit den Beweis, dass Drängeln nicht notwendigerweise zum Anstehen dazu gehört. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass mir jemals eine englische Lady ihren Einkaufswagen in die Kniekehlen gerammt hätte, um ihrer Eile mehr Nachdruck zu verleihen. Der Pub ist glaube ich die einzige Institution, wo man besser auf sich aufmerksam macht – statt stumm & brav herumzustehen.

Schön wohnen ist schon was wert!

Ein bezahlbare Wohnung in London zu finden, war keine leichte Angelegenheit. Wahrscheinlich wäre ich im letzten versifften Loch gelandet, hätte mir mein damaliger Brötchengeber nicht die Miete bezahlt. Letztendlich habe ich wirklich ganz nett gewohnt, allerdings zu einem Preis, für den ich mir in Deutschland einen Palast hätte mieten können.

Dabei habe ich mich sogar mit dem T-e-p-p-i-c-h-b-o-d-e-n in meiner Toilette angefreundet, zumal das zur landestypischen Ausstattung gehörte. Man konnte auch nie vernünftig in der Dusche die Wassertemperatur einstellen, sodass ich mich abwechseln verbrüht habe oder schockgefrostet wurde.

Aber das war absolut harmlos. Ich habe so viele unterirdische Wohnung zu exorbitanten Preisen gesehen, dass mir klar war, dass ich einfach Glück gehabt hatte. Wenn ich abends im Dunkeln durch die Straßen ging und in die erleuchteten Wohnungen schauen konnte, hat es mich teilweise gegruselt, unter welchen schlechten Umständen viele Menschen in London leben (müssen). Die Moral von der Geschichte: Bis heute finde ich es angenehm, nicht in der letzten Absteige zu landen.

Look right!

Der Londoner Imperativ, der fast auf jeder Straße geschrieben steht. Und ganz zu recht, denn gerade wenn man in Gedanken unterwegs ist, schaut man garantiert zur falschen Seite. In England habe ich mir sozusagen den „Verkehrsrundumblick“ angewöhnt, der mich auch schon an Orten wie New Delhi vor üblen Zusammenstößen bewahrt hat. Dazu kommt, dass kein Londoner Fußgänger an einer roten Ampel stehen bleibt, wenn kein Auto kommt. Das machen nur gut erzogene Deutsche. Nur zu gerne habe ich mich von dieser britischen (Un-)Sitte anstecken lassen und ernte dafür in deutschen Gefilden auch heute noch so manchen giftigen Blick.

Ladenöffnungszeiten haben auch was Gutes

24 Stunden, 7 Tage die Woche – ganz normale Öffnungszeiten für die kleinen Supermarkets, die es in jedem Stadtviertel gibt. Shoppingbummel am Sonntag? Aber sicher doch! Klar hat es seine Vorteile, wenn man jederzeit einkaufen gehen kann. Trotzdem habe ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland auch wieder schätzen gelernt, dass Geschäfte nicht immer auf sind und sonntags auch einfach mal Ruhe herrscht.

Vielleicht ist das aber auch einfach die Auswirkung des Alters? 😂

Wer mag mir Trost spenden und aufzählen, welche Spleens, Eigenarten, Angewohnheiten bei seinen Reisen oder Auslandsaufenthalten zusammen gekommen sind?

Mehr über London hat Britta von LOOPING geschrieben. Sie hat die Stadt mit ihrer Tochter Lilia erkundet und darüber berichtet, wie es ist, die britische Hauptstadt mit Kind zu entdecken: Uns bleiben noch 12 Stunden in London.

Es ist schon etliche Jahre her, dass ich in London gelebt habe. Auch rückblickend kann ich sagen, dass es sich dabei um eine der besten Entscheidungen meines Lebens gehandelt hat.

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2 Kommentare

  • Reply Katrin und Sandra 16. Januar 2016 at 23:09

    Hey Beatrice,

    Katrin und ich waren beide schon in London und leider hat es uns beiden dort nicht so gut gefallen.
    Aber nach deinem Artikel könnten wir es uns nun doch nochmal überlegen.
    Für uns sind gute Fotomotive für unseren Blog immer sehr wichtig und die würden wir in London sicherlich finden.

    Ganz liebe Grüße,
    Katrin und Sandra.

  • Reply Maria 9. Januar 2016 at 14:41

    Ich fühle mit dir und sehe so viele Punkte genau so wie du. Wenn jemand behauptet, die britische Küche ist schlecht, ist das meistens jemand, der noch nie dort gewesen ist. Aber ja, die Britinnen haben scheinbar NULL Kälteempfinden, das ist manchmal etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man selbst im Wintermantel spazieren geht und einem 3 Mädels im Minirock entgegen kommen 😀

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