Mirëmëngjes, Tirana!

By 8. Juli 2015 Albanien, Städtetrips
Albanien Reisebericht Reisetipps Tirana City Guide Ethem-Bey-Moschee bei Nacht

In den Top-Listen attraktiver europäischer Städte wirst Du Tirana (noch) vergeblich suchen. Kein Wunder, denn die Jahrzehnte des kommunistischen Regimes hatten aus der albanischen Hauptstadt einen grauen, düsteren Ort gemacht, in dem die Einwohner ein ärmliches Leben fristen mussten. Der Zusammenbruch des Kommunismus im Jahr 1992 und der Übergang zu einer demokratischen Regierung verschlimmerte zunächst die Situation.

Albanien Reisebericht Reisetipps Tirana City Guide Ausrangierte DenkmälerBloss weg mit den Verbrechern: Lenin & Stalin wurden ausrangiert!

Besser wurde es ab dem Jahr 2000, als Edi Rama Bürgermeister von Tirana wurde und im großen Umfang Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensbedingungen durchführte: Illegale errichtete Gebäude wurden abgerissen und Pläne für eine sinnvolle Stadtentwicklung erstellt. Eine gezielte Begrünung wurde gestartet, die vorher grauen Fassaden bunt angestrichen und man begann, sich um die Müllentsorgung zu kümmern.

Für sein Projekt „Clean and Green“ wurde Edi Rama sogar von den Vereinten Nationen ausgezeichnet.

Heute ist Tirana im Aufschwung. Fast 1 Millionen Einwohner leben in der Stadt – immerhin ein Drittel der gesamten albanischen Bevölkerung. Chaotisch geht es immer noch zu: geschäftige Fußgänger, zähfließender Verkehr, staubige Großbaustellen und ein undefinierbares Häusergemisch von modern bis halbverfallen.

Die Aufbruchstimmung ist überall zu merken. Noch funktioniert nicht alles, aber es tut sich was. Schön? Manchmal ja und manchmal nein. In jedem Fall nicht zu vergleichen mit unserem wohlgeordneten (und manchmal ganz schön behäbigen) Leben – und gerade deshalb einen Besuch wert!

10 Gründe, warum Tirana mir gefallen hat 

1. Ich habe es schon in meinem ersten Artikel über Albanien geschrieben und werde nicht müde, es zu betonen: Die albanische Gastfreundschaft und Aufgeschlossenheit hat es mir angetan. Die Albaner sind neugierig auf Fremde, ohne jedoch aufdringlich zu sein. Sie interessieren sich für die Besucher ihres Landes und sind bemüht, es jedem Ausländer so angenehm wie möglich zu machen. Wie oft habe ich „einfach so“ Geschenke bekommen: Blumen, Obst, Gebäck – nur um mir eine kleine Freude zu machen. Während es mir in anderen Ländern oftmals passiert ist, dass die Menschen nicht gerne fotografiert werden wollten, ist es in Albanien genau umgekehrt. Teilweise wurde ich sogar darum gebeten, Bilder zu machen.

Albanien Reisebericht Reisetipps Tirana City Guide PiramidaNicht schön, aber speziell: die Piramida

2. Wo kann man ansonsten noch eine Pyramide besichtigen – außer natürlich in Ägypten? Richtig, in Tirana. Die Piramida ist eine bröckelndes, mit Graffiti besprühtes Relikt aus der kommunistischen Zeit. Sie wurde 1987 von Pranvera Hoxha, der Tochter von Enver Hoxha, gebaut. Eigentlich als Museum für den Diktator gedacht, wurde das seltsame Gebäude nach dem Ende des kommunistischen Regimes als Kulturzentrum genutzt. Die Pyramide verfiel immer mehr und sollte letztendlich abgerissen werden. Dieser Plan wurde jedoch nie umgesetzt und mittlerweile ist beschlossen worden, den Bau komplett zu renovieren. Noch hat die Sanierung nicht begonnen und die Pyramide ist derzeit eine Mischung aus Ruine und improvisiertem Kunst- und Ausstellungsraum.

3. Das Blloku-Viertel war ehemals das exklusive Wohngebiet der kommunistischen Regierung. Hier wohnten Enver Hoxha und seine Anhänger. Das ehemalige Haus des Diktators ist eine eher unauffällige, gartengesäumte Villa. Sie steht leer und man kann auf der Straße an ihr vorbei spazieren – was zu kommunistischen Zeiten unmöglich war, weil normalen Albaner der Zutritt zu dem Viertel verboten war. Heute ist der Stadtteil schön zum Flanieren: Die Straßen sind von dichten Bäumen bestanden, es gibt viele Restaurants und Cafés, von denen man in Ruhe die Menschen beobachten kann.

Albanien Reisebericht Reisetipps Tirana City Guide FußgängerzoneSchattige Straßen zum Flanieren: am frühen Abend wird es hier richtig voll.

4. Wer eine kurze Auszeit von der Großstadt braucht, zieht sich in den Parku i Madh (Großer Park) zurück. Die große, baumbestandene Grünanlage ist eine Oase für die Bewohner und kann gerade am Wochenende oder während der Ferien recht voll werden. Dann sind die Rasenflächen bevölkert mit Familien beim Picknick und auf den Wegen tummeln sich die Spaziergänger. In dem Areal befindet sich auch ein künstlicher See, an dem man sich entspannen kann und es gibt etliche Cafés, die bei schönem Wetter gut besucht sind.

5. Wer in Tirana unterwegs ist, braucht sich nicht mit Nahverkehrsrouten herumzuschlagen. Es genügt, sich bequeme Schuhe anzuziehen und die Stadt zu Fuß zu erkunden. Der Sheshi Skenderbeg (Skenderbeg-Platz) bietet sich als zentraler Punkt an, von dem aus man sich einfach treiben lassen kann. So kann man am besten die Atmosphäre von Tirana in sich aufnehmen. Mit einem Stadtplan bewaffnet kann man sich gut orientieren und wer sich mit der Richtung nicht sicher ist, wird jede Menge hilfsbereite Albaner finden, die Auskunft geben.

6. Ich bin sowohl allein, als auch mit mehrere Leuten gemeinsam in Tirana unterwegs gewesen. Auch allein hatte ich nie den Eindruck, dass es irgendwo gefährlich ist. Natürlich sollte man die üblichen Vorsichtsmaßnahmen auf Reisen auch in Albanien anwenden und nicht leichtsinnig sein. Ansonsten geht mehr Gefahr von den teilweise unwegsamen Straßen aus. Beim Spaziergang also immer eine Auge auf den Untergrund haben, damit nicht kaputte Bordsteine oder Löcher im Boden zur Stolperfalle werden. Auch vor unangenehmer „Anmache“ ist man sicher. Zwar wird man hin und wieder angesprochen, das ist aber eher harmlos. Als sehr hartnäckig habe ich nur einige Roma erlebt, die auf den Straßen betteln oder etwas verkaufen wollen.

Albanien Reisebericht Reisetipps Tirana City Guide NationalmuseumNationalmuseum am Skenderbeg-Platz mit einem Mosaik im typisch sozialistischen Heldenstil

7. Es gibt in Tirana eine Handvoll Museen, Denkmäler und historische Gebäude, die man auf seinen Rundgängen sehr leicht erkunden kann. Mit einem Reiseführer kann man sich die Orte heraussuchen, für die man sich interessiert. (Ich hatte den Albanien-Führer des Trescher Verlags* dabei, der in aktueller Auflage im März 2015 erschienen ist.) Für unbedingt empfehlenswert halte ich die wunderschön verzierte Ethem-Bey-Moschee aus dem späten achtzehnten Jahrhundert, die direkt am Skenderbeg-Platz liegt. Nicht mal Enver Hoxha, der sonst jede Kirche in einen Hühnerstall umfunktionieren liess, hatte es gewagt, den Bau zu zerstören. Man kann die Moschee außerhalb der Gebetszeiten besichtigen, sollte aber auf angemessene Kleidung achten. Für Frauen liegen am Eingang Tücher bereit, die man sich um den Kopf legen kann.

8. Sich in ein Café zu setzen und die Welt an sich vorbeiziehen zu lassen, ist immer eine gute Idee. Auch in Albanien, wo die Kaffeekultur zum sozialen Leben gehört. Da werden nicht nur Kontakte gepflegt, sondern Entscheidungen getroffen, Geschäfte gemacht und Diskussionen geführt. Sobald man in ländlichen Gegenden unterwegs ist, scheint es eher ein Privileg der Männer zu sein, schon tagsüber bei einem Kaffee beisammen zu sitzen. In Tirana habe ich dagegen auch viele Frauen plaudernd zusammensitzen sehen. Eine gute Gelegenheit, nicht nur einen Espresso zu trinken, sondern auch den allgemein verbreiteten Kafe turke (türkischen Kaffee) zu probieren. Dafür wird fein gemahlenes Kaffeepulver mit Wasser und Zucker aufgekocht. Es gibt den Kafe turke mit verschiedenen Zuckermengen von wenig süß über mittelsüß bis sehr süß.

Albanien Reisebericht Reisetipps Tirana City Guide Bunker

Ein kleiner Exkurs zu den Bunkern, für die Albanien berüchtigt ist. Hier kann man an einer Gedenkstätte sehen, wie die schrecklichen Stahlbetonpilze aufgebaut sind. Rund 200.000 sollen es mal gewesen sein. Mittlerweile hat die Bevölkerung aber herausgefunden, wie man die Monster zerstören kann, um den Altstahl gewinnbringend zu verkaufen. Ergebnis: Nettes Zubrot für die Familien und Säuberung der Landschaft!

9. Wer sich einen Überblick von Tirana verschaffen will, fährt in den Dajti-Nationalpark, der etwa 30 km östlich von Tirana liegt. Was ich nicht selbst ausprobiert habe, aber sehr schön sein soll: Mit der Seilbahn auf das Dajti-Gebirge zu fahren, dort bis kurz vor den Gipfel zu wandern (ganz oben ist militärisches Sperrgebiet) und danach im Panorama-Hotel (ca. 1,5 km von der Seilbahnstation entfernt), ein Bier zu trinken und die schöne Aussicht auf Tirana zu geniessen.

10. Man begegnet ihm auf Schritt und Tritt: dem Nationalhelden Skanderbeg, der auf dem gleichnamigen Platz in Tirana mit einem großen Reiterdenkmal geehrt wird. Er hatte es in der Mitte des 15. Jahrhunderts geschafft, die albanischen Stämme zu vereinen und sich erfolgreich gegen die osmanische Besatzung zu wehren, was ihn schon zu Lebzeiten in ganz Europa berühmt machte. Noch heute gilt er als nationales Symbol für Tapferkeit und die Einheit des albanischen Volkes. Seinem Erbe wird es auch zugeschrieben, dass die Albaner keine fanatischen Anhänger eines Glaubens sind, sondern sich einer religiösen Toleranz verschrieben haben, die noch heute deutlich in der Gesellschaft zu spüren ist. Schätzungen zufolge sind etwa 50 Prozent der Albaner Moslems und ca. 35 Prozent römisch-katholisch und griechisch-orthodox. Obwohl sich also die Mehrheit der Albaner zum Islam bekennt, hat man als Besucher nicht das Gefühl, sich in einem muslimischen Land zu bewegen. Die Frauen sind nicht verschleiert, Alkohol ist nicht verboten und insgesamt wirkt der Umgang mit den Religionen eher pragmatisch-entspannt.

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In den Top-Listen attraktiver europäischer Städte wirst Du Tirana (noch) vergeblich suchen. Aber die albanische Hauptstadt ist im Wandel Richtung Zukunft.

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3 Kommentare

  • Reply Andreas Nöthen 11. Mai 2016 at 1:52

    Das war jetzt echt mal interessant. Danke, über Tirana wusste ich bislang sogut wie nix.

  • Reply Swanni 7. Dezember 2015 at 13:57

    Liebe Beatrice,
    ich bin auch totaler Albanien und Tirana Fan 🙂 Ich war schon drei Mal dort und kann es gar nicht erwarten nächstes Jahr weitere Gegenden zu erkunden!
    Dein Artikel hat die Highlights von Tirana wirklich treffend zusammengefasst, den Dajti-Nationalpark muss ich auch unbedingt nochmal besuchen!
    Vielen Dank für die vielen tollen Infos!
    Alles Liebe Swanni

    • Reply Beatrice 7. Dezember 2015 at 16:06

      Herzlichen Dank für Dein Feedback, liebe Swanni! Freut mich sehr, dass Dir meine Zusammenfassung gefällt, zumal Du ja ein echter Tirana-Kenner bist, wenn Du schon dreimal zu Besuch warst!

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