Norwegen – The Simple Life

By 16. September 2015 Land & Leute, Norwegen
Das einfache Leben in Norwegen

Ich gebe zu, dass ich im ersten Moment etwas skeptisch war, als ich von der Planung hörte, zu einem abgelegenen Hof zu fahren, wo Silberschmuck und Holzhandwerk verkauft wird. Ich bin eher minimalistisch eingestellt und tätige nur dann Einkäufe, wenn ich wirklich von etwas überzeugt bin. Insofern bewegt sich meine Shoppinglust meist um den Nullbereich. Als unser Fahrzeug schließlich in einen sehr kleinen Seitenweg einbog und sich im Schritttempo einen steilen, schmalen Pfad hocharbeitete, ahnte ich schon, dass wir nicht unterwegs sind zu einer Verkaufsveranstaltung mit Kaffeekännchen und Sahnetörtchen.

Bei Rainer und Inger von Høvda Sylv & Tre

Auf dem Berg angekommen war ein typisch norwegische Hof zu sehen, mit mehreren verstreuten Holzgebäuden und grasbewachsenen Dächern. Zu Begrüßung kam eine riesige, schwarze, freundlich schwanzwedelnde Neupfundländer-Dame (mit dick bandagiertem Fuß) angehumpelt.

„Oh, super!“ denke ich immer sofort, wenn ich Hunde sehe. Hier bleib‘ ich.

Nicht humpelnd, aber dafür barfuss folgte ihr der Herr des Hauses: Rainer schüttelte uns allen die Hände und begann – im flüssigem Deutsch – von seiner Arbeit und dem Hof zu erzählen. Rainer ist waschechter Schwabe aus Vinnenden bei Stuttgart und in jungen Jahren nach Norwegen gezogen, um dort seine Liebe Inger zu heiraten. Eine echte deutsch-norwegische Lovestory anno 1978. Beide hatten es sich als junges Paar in den Kopf gesetzt, die damals leer stehende Høvda-Farm aus dem 17. Jahrhundert wieder auf Vordermann zu bringen. Mit jahrelanger Arbeit (und viel Unterstützung aus dem benachbarten Dorf) ist das auch gelungen. Beide sind weitgehend Selbstversorger mit einem großen Gemüsegarten und ein paar Schafen. Die beiden Söhne sind mittlerweile erwachsen und haben eigene Familien. Rainer (der eigentlich mal Textil-Ingenieur war), hat sich ganz der Holzverarbeitung verschrieben. Inger ist Silberschmiedin. Beide verkaufen ihre Produkte in einem kleinen Shop auf dem Hof.

Rainer hat sein Herz nicht nur an Inger verschenkt, sondern begeistert sich auch für alte norwegische Holzhäuser. Auf dem Grundstück verteilt sind etliche Gebäude – vom Wohnhaus bis zum Mini-Baumhaus, die Rainer gerettet und in vielen Arbeitsstunden restauriert hat. Faszinierenderweise kann man die alten Häuser einfach abbauen und an der nächsten Stelle wieder aufbauen – nachhaltiger geht es eigentlich nicht. Wenn Einzelteile kaputt gehen, werden sie repariert oder ersetzt.

Es wirkt wie ein kleines Paradies, die alte Farm auf gut 750 m Höhe. Aber wenn man Rainers Erzählungen lauscht, bekommt man auch mit, wie unendlich viel Arbeit hinter dieser Lebensweise steckt. Es gibt einfach immer etwas zu tun. In der Werkstatt, bei der Heuernte, im Gemüsegarten, bei den Schafen… Schlecht Zeiten mussten damit überbrückt werden, dass Rainer jeden Job annahm, der verfügbar war – besonders, als die beiden Söhne noch klein waren.

Wie findet man die Høvda Verkstad?

Adresse: Dalsvegen 515, 2940 Heggenes, Øystre Slidre i Valdres – Der Weg zum Hof ist schmal und steil. Wer z. B. mit einem Wohnmobil oder Campinganhänger unterwegs ist, sollte vorsichtig sein. Die Werkstatt kann man täglich zwischen 10 und 18 Uhr besuchen.

Gastgeber: Rainer und Inger Norunn Solhaug

Shop: Es gibt modernen und traditionellen Silberschmuck, u. a. einen Ring, der durch die Aktivierung eines Akupressurpunkt das Schnarchen verhindern soll. (Wirkt angeblich wirklich, wie viele begeisterte Anwender berichten…) Verkaufsschlager sind die handgemachten Schaukelschafe, die viel toller sind als ein Schaukelpferd. Da war ich glatt in Versuchung, mir selbst ein wolliges Exemplar mitzunehmen. Außerdem habe ich die typischen Felldecken mit der bemalten Rückseite gesehen. Gab es auch in kleinen Größen für Baby-Betten. Nicht zu vergessen die wunderschönen, gedrechselten Holzschüsseln.

Übernachtungstipp in der Region Valdres: Grønolen Fjellgard – Zwei Brüder – Øyvind und Tor Erik Grønolen – kümmern sich um das Hotel. Von hier aus kann man Wander- und Klettertouren (auch mit Führer) in verschiedenen Schwierigkeitsgraden unternehmen.

Vielen Dank an Visit Norway, Region Valdres und Nationalparkriket Reiseliv AS, die diese Reise ermöglicht haben.

 

Besonders interessant finde ich es dann, wenn ich Menschen kennenlernen darf, die mehr oder weniger

Diese Artikel könnten Dich auch interessieren:

11 Kommentare

  • Reply Anni 12. Oktober 2015 at 20:10

    Oh ja, ich kenne das nur zu gut, immer hin- und hergerissen zu sein. Fast jede Woche kommen mir neue tolle Ideen, was ich machen könnte, wo ich hinziehen könnte etc. 🙂

  • Reply Sabine-Travelstoriesreiseblog 8. Oktober 2015 at 10:04

    Beatrice, was für ein schöner Artikel! Wir besuchen auch gerne Menschen, die „ihr Ding“ machen und lieben es, ihre Geschichten zu hören!
    Herbstliche Grüße aus den Niederlanden, Sabine

    • Reply Beatrice 8. Oktober 2015 at 21:47

      Ja, wie ihr auf Eurem Blog schon sagt: ein bisschen Abenteuer gehört doch zum Leben. Umso schöner, sich mit diesen Menschen auszutauschen. Liebe Grüße in Richtung Niederlande, Beatrice

  • Reply Neni 22. September 2015 at 11:10

    Ich habe mal so gar keine Idee, wie meine Zukunft aussehen soll. Ich weiß nur, was nächsten Monat passiert. Manchmal macht mir das Angst, aber meistens bin ich super glücklich. Aber wenn, dann würde ich gern in ein Haus aufm Dorf ziehen 🙂

    • Reply Beatrice 22. September 2015 at 19:46

      Na, das ist doch schon eine ziemlich klare Ansage in Richtung Landleben. Ich denke, bei mir wird es auch irgendwann auf sowas hinauslaufen… 🙂

  • Reply Nathalie 18. September 2015 at 13:56

    Ein schöner Bericht!
    Ich kenne das Gefühl, hin- und hergerissen zu sein. Bei mir ist es momentan irgendetwas zwischen dem pulsierenden New York City und der idyllischen Landschaft der Tiroler Berge. Und tataaa… ich finde mich in Aachen wieder. Das Häuschen von Rainer und Inger könnte mir aber auch schon gefallen. 🙂
    Viele liebe Grüße
    Nat

    • Reply Beatrice 19. September 2015 at 16:24

      Wie Jessie schon ganz richtig gesagt hat: wer weiss, wo uns das Leben noch so hintreibt… Viele liebe Grüße zurück!

  • Reply Jessi 18. September 2015 at 8:09

    Oh wie schön! Ja, mir geht es ähnlich wie dir. Ich habe auch immer wieder andere Ideen, wo und wie ich gerne leben würde. Aber zurzeit setzt sich in mir der Wunsch fest, hier in Oche zu bleiben, denn das ist jetzt meine Heimat und es würde mir sehr schwer fallen, wieder zu gehen.

    Aber ich habe auch immer wieder feststellen müssen, dass immer alles anders kommt als man denkt. Deshalb versuche ich, alles eher auf mich zukommen zu lassen. 🙂

    Liebe Grüße
    Jessi

    • Reply Beatrice 19. September 2015 at 16:22

      Ja, wer weiss, was die Zukunft noch so bringt 😉 Aber ist doch cool, wenn man sich so wohl in seiner Heimat fühlt wie Du. Bei uns steht jedenfalls fest, dass wir in zwei, drei Jahren aus Aachen weg wollen. Was dann kommt: wir werden sehen… 😀

  • Reply Josephine 16. September 2015 at 15:14

    Ein schöner Bericht!

    • Reply Beatrice 16. September 2015 at 16:12

      Herzlichen Dank!!!

Schreibe einen Kommentar