Schwimmen & Schnorcheln mit Kegelrobben in der Bretagne

Schnorcheln mit Kegelrobben

Wenn ich den westlichen Zipfel von Frankreich mit drei Worten beschreiben sollte, dann so:

Tough, tougher, Bretagne.

Jeder Frankophile, der jetzt mitliest, erhebt wahrscheinlich vor Verzweiflung die Hände: „Mon dieu! Diese Anglizismen!“ Aber ich muss – I’m really sorry – mit meiner Charakterisierung ins Englische ausweichen, denn Französisch habe ich nie gelernt. Und irgendwie erinnert mich das Raue in der Bretagne mehr an Irland oder Schottland, als an das elegante Frankreich (dem ich heimlich auch immer ein wenig Snobismus unterstelle).

Ursprünglich ist hier die Atmosphäre. Geprägt vom unbändigen Atlantik, den zerklüfteten Felsen und dem Wind. Hier fällt es leicht, sich in Zeiten zu versetzen, als die Menschen noch im Rhythmus der Natur gelebt zu haben. Ebbe und Flut sind feste Größen im Tagesablauf und geben den Takt vor, was auch heute noch in vielen Bereichen so ist.

Ein Bootsausflug zu den Kegelrobben

Deshalb ermahnt uns Claude, unser Bootsführer und Robbenkenner, zur Eile, als wir uns früh am Morgen mit ihm treffen. Mit ihm wollen wir aufs Meer fahren, um weit draußen Kegelrobben zu finden und – wenn es klappt –  in ihrer Gesellschaft zu schnorcheln. Der Wasserstand ist optimal, wir sollen schnell unsere Neopren-Anzüge anziehen. Schnell ist dabei relativ. Jeder aus unserer kleinen Gruppe bekommt nach Augenmaß einen dicken, sperrigen, teilweise noch klammen Anzug verpasst. Wir bemühen uns redlich, schnell in unsere Anzüge zu kommen und – noch schwieriger – den Reißverschluss zu schließen. Ganz schön eng. Immerhin: ich finde, die Anzüge verleihen uns etwas Verwegenes. Claude empfiehlt uns, zusätzlich noch unsere Windjacken über die Neopren-Anzüge zu ziehen, was sich als guter Ratschlag herausstellen wird.

Wir schnappen uns die großen Taschen mit jeder Ausrüstung – Schnorchel, Taucherbrille, Flossen, Handschuhe – und laufen zu unserem kleinen Motorboot. Kurz kommt mir der Gedanke, dass wir jetzt wohl einige Stunden auf dem Boot sind und es eigentlich klug gewesen wäre, noch einmal auf Toilette zu gehen. Zu spät, wir müssen los.

Claude manövriert uns aus den dem Hafen, vorbei an etlichen vor Anker liegenden Booten. Kaum haben wir das offene Meer erreicht, gibt er Vollgas. Wir klammern uns am Boot fest. Das Wasser spritzt hoch und der eiskalte Wind knallt mir mit solcher Wucht ins Gesicht, dass ich Mühe habe zu atmen. Das Boot schießt vorwärts, im Rhythmus der Wellen hebt es immer für kurze Zeit ab, um dann wieder hart auf die Wasseroberfläche zu schlagen. Wir klammern uns noch fester, versuchen uns dem Auf und Ab anzupassen. Meine Augen tränen und die Nase läuft. Sehe ich gut dabei aus? Sicher nicht. Aber ich fühle mich so lebendig, wie schon lange nicht mehr.

Glaubt ihr mir, dass es eiskalt war?

Fotos machen? Fehlanzeige.

Die Kameras liegen fast die ganze Zeit gut geschützt in Dry Bags. Ich drehe mich zur Seite, um gerade noch einen Delfin ganz nah an unserem Boot in die Tiefe tauchen zu sehen. Seine glatte Haut glänzt in der Sonne und die elegant geschwungene Rückenflosse verschwindet wieder unter Wasser. Weiter geht es rasend schnell über das Meer, vorbei an spröden Felsen, auf denen wir auch die eine oder andere Robbe liegen sehen, die sich die Sonne auf den Bauch scheinen lässt. Meine ohnehin meist kalten Hände haben mittlerweile gefühlt den Gefrierpunkt erreicht. Der Wind zerrt an meiner Kapuze.

Ist das großartig? Ja, es ist großartig. Wäre das jedermanns Sachen? Sicher nicht. Kalt und anstrengend und kein bisschen instagram-tauglich.

Wir steuern ein Areal an, in dem mehrere Inselchen aus dem Wasser ragen. Zwischen den kleinen Fleckchen Land wird es ruhiger. Claude drosselt die Geschwindigkeit, hält schließlich ganz an und wirft den Anker. Wir sind angekommen. Ich strecke meine kalten und steifen Glieder. Sollen wir jetzt ernsthaft in dieses 14 Grad kalte Wasser steigen? Zögernd blicke ich auf die blaugraue Meeresoberfläche. In respektvoller Entfernung schauen immer mal wieder ein, zwei Robbenköpfe aus dem Wasser, mustern uns und tauchen wieder ab. Noch will sich mir der Sinn des Schnorchelausfluges nicht so recht erschließen. Was wollen wir hier sehen? Und ein bisschen graut es mir vor dem Meer, trotz Neoprenanzug.

Jetzt wird es ernst!

Claude gibt uns seine Anweisungen: Wenn wir Robben sehen, nicht hinter ihnen herschwimmen. Allein die Tiere entscheiden über den Grad der Annäherung. Es gelten die üblichen Regeln zum Umgang mit Wildtieren„Nicht anfassen!“ und „Abstand halten!“. Außerdem sollen wir uns nicht zu weit vom Boot entfernen, denn die Strömung ist auch in diesem relativ ruhigen Gebiet noch stark. Sollten wir abtreiben, kommt er uns mit dem Boot holen.

Zögernd mache ich mich fertig und steige Schritt für Schritt an der Außenleiter ins Meer. Mein Anzug läuft langsam von unten nach oben voll mit kaltem Wasser. Im ersten Moment ist es eisig, aber schnell erwärmt sich das Wasser unter der Neoprenschicht und es wird erträglich. Ich mache ein paar Schwimmbewegungen, sortiere meine Taucherbrille und gehe mit dem Kopf unter Wasser. Schlagartig ist die Außenwelt verschwunden. Alles, was ich höre, ist mein lauter, aufgeregter Atem, der durch den Schnorchel faucht. Und was ich sehe, ist eine Unterwasser-Märchenwelt.

Im Reich der Algen & Kegelrobben

Türkisblau schimmert das Wasser und Sonnenstrahlen malen sanfte Lichtstreifen in die Szenerie. Im Takt der Strömung wiegt sich ein Wald aus Algen. Über all sehe ich neue Formen und Farben. Bräunliche, grünliche, gelbliche Gewächse, die im Wasser schwingen. Mal mit dicken, fleischigen Blättern, mal mit zarten Zweigen oder meterlangen, dünnen Stengeln. Ich bin ganz damit beschäftigt, dieses wundersame Reigen in mich aufzunehmen, liege einfach nur still und staunend auf der Wasseroberfläche und lasse mich treiben.

Dann sehe ich einen großen, grauen Felsen auf dem Meeresgrund. Ich treibe näher und sehe, dass sich der Fels bewegt, zu mir umdreht und dann langsam davon schwimmt. Es ist eine Robbe, die unter Wasser auf dem Boden liegt. Ich bin total verblüfft. Dann sehe ich wieder ein Tier. Es ist riesig und gleitet doch so mühelos wie eine Meerjungfrau durchs Wasser. Es zieht einen Bogen um mich herum und betrachtet mich mit einem gewissen Sicherheitsabstand. Ich kann seinen Schnurrbart sehen und die Flecken auf seinem Fell. Völlig aufgewühlt und fasziniert hebe ich meinen Kopf aus Wasser und sehe, dass ich schon ziemlich weit weggetrieben bin vom Boot. Gegen die Strömung muss ich wieder zurück schwimmen, was durchaus eine Herausforderung ist.

Fotocredit: www.trytrytry.de

Wieder lege ich mich aufs Wasser und überlasse mich der Bewegung des Meeres. Wieder sehe ich Robben. Eine ist besonders mutig und schwimmt direkt unter mir durch. Eine andere schaut mich etwas schief von der Seite an und ich sehe Luftblasen aus ihrem Maul aufsteigen. Erst als ich mir später die Unterwasseraufnahmen meiner Bloggerkollegen Alex und Laura von TRY TRY TRY anschaue, verstehe ich, dass die Robbe mit mir „geredet“ hat. Bestimmt fünf Tiere habe ich insgesamt beobachten dürfen. Oder waren es mehr? Keine Ahnung, ich war total im Glückstaumel.

Zurück ans Land

Claude gibt uns Zeichen, dass wir wieder aus dem Wasser kommen sollen. Ich hiefe mich an der Treppe nach oben ins Boot, streife Brille und Flossen ab. Der Anker ist schnell gelichtet und Claude macht sich – gewohnt zügig – auf die Rückfahrt. An das Tempo habe ich mich mittlerweile gewöhnt und klatschnass bin ich ohnehin schon. Auf dem Weg zurück schlagen immer wieder die Wellen über Bord und übergießen uns großzügig mit Meerwasser. Ich merke, wie ich langsam immer mehr auskühle. Egal, Claude gibt Gas und das ist in dem Fall auch ganz gut so, denn mittlerweile muss ich wirklich auch ganz dringend auf Toilette. Entsprechend erleichtert atme ich auf, als der Hafen in Sicht kommt.

Meine Fazit zum Schnorcheln mit Kegelrobben

Ein unglaublich beeindruckendes Erlebnis, das man bestimmt nicht mehr vergisst. Worauf ihr vorbereitet sein solltet:

  • Überzeugte Meer- und Tierliebhaber kommen hier eindeutig auf ihre Kosten.
  • Es ist eine abenteuerliche Bootsfahrt, bei der es nass, kalt und windig werden kann.
  • Es ist von Vorteil, wenn man Erfahrungen im Schnorcheln hat. Zumindest sollte man sich im Element Wasser wohl fühlen und gut schwimmen können.
  • Unbedingt zu beachten ist auch ein respektvoller Umgang mit den Robben, denn die Tiere sollen auf keinen Fall gestört werden.

Alle Informationen gibt es bei Claude auf der Website www.rando-mer.com.

Auf die Bucket List?

Ich sträube mich komplett gegen das „Abhaken“ von Erlebnissen oder Destinationen. Deshalb gibt es hier auch keine Aufzählung der zehn Sehenswürdigkeiten, die man in der Bretagne nicht verpassen sollte. Dafür ist dieses wilde Fleckchen Erde viel zu schade. Für viele Reisende ist es ganz bestimmt das Paradies (für mich war’s das), während es anderen dort möglicherweise zu „tough“ zugeht. Das gleiche gilt für den Ausflug zu den Robben. Es ist eine anstrengende Tour und wer sich jetzt denkt, dass es nichts für ihn sei: Auch völlig in Ordnung.

Ich glaube nämlich, dass ein ganz wesentlicher Faktor beim bewussten (langsamen, nachhaltigen) Reisen ist, sich darüber im Klaren zu sein, was man ganz persönlich unternehmen und erleben will und das auch gezielt zu tun – oder eben zu lassen. Das ist tausendmal besser, als irgendwelche Must See Attractions und Hot Spots „abzuarbeiten“.


Mein herzliche Dank geht an den Tourismusverband der Bretagne, der mir diesen Trip ermöglicht hat. Für diese Veröffentlichung wurde weder meine Meinung beeinflusst, noch habe ich Honorar dafür erhalten. Obwohl ich mächtig gefroren habe, hat das weder meine Stimmung getrübt, noch meiner Gesundheit geschadet. Danke auch an Christine Lange für die sympathischste Reiseleitung überhaupt und meine Bloggerkollegen Ariane (Heldenwetter), Nina (Reisehappen) und Alex & Laura (Try Try Try). Ich bin gerne mit euch unterwegs gewesen.

 

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2 Kommentare

  1. Liebe Beatrice, ein spannender, ehrlicher Bericht! Ich denke auch, eine Richtige Beschreibung, wie es war, auch mit den möglicherweise negativen Punkten, hilft allen mehr. Ist man nämlich auf die Kälte vorbereitet, entscheidet man sich bewusst dafür (und kann sich vielleicht entsprechend anziehen). Liebe Grüsse, Miuh

    • Liebe Miuh, es ist ein Wahnsinnserlebnis, aber es bringt ja nichts, wenn sich jemand auf dem Boot nicht wohl fühlt. Auf der Rückfahrt kannst du dann auch nichts mehr anziehen, denn du hast ja den klatschnassen Neoprenanzug an. Da gilt es dann durchhalten. Grandios war es trotzdem. Liebe Grüße zurück!

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