Schön & schrecklich zugleich – Königliche Gewächshäuser Brüssel

Königliche Gewächshäuser Brüssel

Schon von weitem sieht man die Menschengruppen Richtung Schlosstor pilgern. Es sind nicht gerade wenig Besucher, die sich zum belgischen Palast aufgemacht haben, um die berühmten königlichen Gewächshäuser zu besichtigen, die nur drei Wochen im Jahr für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Wir passieren das kleine Kassenhäuschen und folgen dem allgemeinen Menschenstrom zu der Orangerie, hinter der sich das Glasensemble der Gewächshäuser erstreckt.

Gewächshäuser Laeken Brüssel Belgien - Orangerie

Die Sonne stahlt vom blauen Himmel, der akkurat geschnittene Rasen könnte kaum grüner sein. Aber wer glaubt, er könne jetzt durch den weitläufigen Park flanieren und sich an der außergewöhnlichen Jugenstilarchitektur erfreuen, wird gleich eines Besseren belehrt. Sorgsam abgesteckt sind die Wege, auf denen man sich bewegen darf, mit festgeschriebener Laufrichtung. Damit auch niemand vom vorgeschriebenen Pfad abkommt, hat das Wachpersonal an jeder Ecke ein Auge auf das gemeine Volk.

Gewächshäuser Laeken Brüssel Belgien - Blick zum Japanischen Turm

Das tropische Refugium wirkt wie eine Stadt aus Glas, die sich auf vier Hektar erstreckt. Wunderschön sind die Arkaden und Gänge, die Bögen und Streben, die fast zu schweben scheinen und aus jeder Richtung eine neue, beeindruckende Perspektive bieten. In der Mitte der gewaltige Kuppeldom des „Jardin d’hiver“ mit einer Krone als Abschluss.

Im Innern ein Pflanzenmeer. Riesige Palmen, bunte Blüten, plätschernde Wasserfälle. Es grünt und wuchert. Wobei – von Wuchern kann eigentlich keine Rede sein. Jedes Zweiglein ist sorgfältig gestutzt. Keine welkes Blatt stört das Auge. Hier müssen Heerscharen an Gärtnern Akkordarbeit leisten. Keine Ahnung, was es kostet, den Monumentalbau zu beheizen und die Pflanzen zu bewässern. Viel, vermute ich.

Apropos Geld

An diese Stelle will ich einen kurzen Blick zurück in die Geschichte werfen. Der monumentale Komplex wurde zwischen 1874 und 1895 gebaut. Auftraggeber war der belgischen König Leopold II., der Entwurf stammt vom Architekten Alphonse Balat. Zu damaligen Zeit brach der Kristallpalast alle Rekorde. Nie zuvor war in dieser Form mit Glas und Eisen gebaut worden. Die Gewächshäusern waren die Vorreiter der Ästhetik, die kurz danach als Jugendstil bekannt werden sollte.

Der Monarch – so wirkt es, wenn man in den Gewächshäusern steht – hielt sich nicht gerne mit Kleinigkeiten auf. Um seine gigantische Projekte zu finanzieren, mussten die nötigen Finanzmittel bereitgestellt werden. Diese stammten zum Großteil aus dem Kongo, der sich von 1885 bis 1908 im Privatbesitz des belgischen Königs befand. Die systematische Ausplünderung des Landes wurde als Kongogräuel bekannt. Sklaverei, Zwangsarbeit, Folter, Gewaltexzesse, Verschleppungen und Hunger sorgten dafür, dass schätzungsweise 10 Millionen Menschen starben.

Königliche Gewächshäuser Brüssel – Historische Hintergründe

„Wenn man im Distrikt Kautschuk sammeln will, dann muss man Hände, Nasen und Ohren abschneiden“, empfahl ein Verwalter. Die Kolonialbeamten und ihre Söldnertruppe namens Force Publique trugen den Terror in die hintersten Urwalddörfer. Tausende, die sich weigerten, Zwangsarbeit zu leisten, oder das Sammelsoll für Kautschuk nicht erfüllten, wurden gefoltert, verstümmelt, erschossen oder mit der Chicotte, der Nilpferdpeitsche, totgeschlagen. (Zitat aus DIE ZEIT Gulag im Dschungel – Adam Hochschilds Studie über den vergessenen Völkermord im Kongo)

Der Kongo erwirtschaftete Jahr für Jahr größere Gewinne: Nach Schätzungen des belgischen Historikers Daniël Vangroenweghe waren es zwischen 1885 und 1908 umgerechnet bis zu 125 Millionen Euro. Andere Schätzungen gehen sogar von bis zu 500 Millionen Euro aus. Mit dem Blutgeld finanzierte Leonard II. Prachtbauten wie das heutige „Königliche Museum für Zentral-Afrika“ in der Nähe von Brüssel. (Zitat aus PLANET WISSEN Belgien und der Kongo – Weißer König, schwarzer Tod)

Gewächshäuser Laeken Brüssel Belgien - Steinfigur

Finanzierung von Pomp & Gloria

Das Geld aus dem Kongo floss nicht nur in die Gewächshäuser, sondern auch in viele andere Prestigeprojekte wie den Ausbau des Schlosses, in den Jubelpark samt Triumphbogen, der zum 50. Geburtstag Belgiens 1881 errichtet wurde, und das oben genannte Königliche Museum für Zentralafrika in Tervuren.

1900 wandelte Leopold II eines Großteil seines Besitzes – u. a. auch die Gewächshäuser –  in eine königliche Schenkung um und übergab sie dem Staat, der seither für den Erhalt aufkommen muss. In den Schenkungsbedingungen wurde unter anderem festgelegt, dass das Volk drei Wochen pro Jahr Zugang zu den königlichen Gewächshäusern hat, die es mit seinen Steuergeldern finanziert. Ein echter Akt der Großzügigkeit!

Ich wundere mich sehr, dass diese Regelung immer noch eingehalten wird. Genauso wie ich nicht verstehen kann, dass dieses düstere Kapitel der Geschichte an keiner Stelle des Rundgangs auch nur angeschnitten wird. Auf die Hintergründe bin ich nur gestoßen, als ich anfing, selbst im Internet zu den Gewächshäusern zu recherchieren.

Gewächshäuser Laeken Brüssel Belgien - Eingang

Königliche Gewächshäuser Brüssel – Informationen

Adresse Königliche Gewächshäuser Laeken: Koninklijke Parklaan, 1020 Brussels

2017 ist das Gelände voraussichtlich vom 14. April bis 5. Mai geöffnet. ACHTUNG: am ersten Dienstag sind die Gewächshäuser ausschließlich für Besucher mit einer Behinderung zugänglich.

Öffnungszeiten Königliche Gewächshäuser Laeken: Dienstag bis Donnerstag: 9.30 – 16 Uhr, Freitag: 13 – 16 Uhr  und 20 – 22 Uhr, Samstag und Sonntag: 9.30 – 16 Uhr und 20 – 22 Uhr (montags geschlossen)

Eintrittspreise Königliche Gewächshäuser Laeken: Erwachsene 2,50 €, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren gratis

Die Tickets können nur vor Ort erworben werden. Reservierungen sind nicht möglich.

Ich weiss, es ist ein grausames Thema. Ich habe länger überlegt, wie ich über die Gewächshäuser schreiben soll, aber ich finde es wichtig, dass in einem Reiseblog auch solche Aspekte zur Sprache kommen sollten. Wusstest du von dieser Vergangenheit? Ich nicht und ich glaube, so etwas darf nicht in Vergessenheit geraten.

Solltest du einen Trip in die belgische Hauptstadt planst, findest du meine Tipps & Empfehlungen im Cityguide Brüssel

7 Kommentare

  1. Ich musste das erst einmal sacken lassen. Dass vor Ort überhaupt nicht auf die Historie eingegangen wird, ist mehr als befremdlich… Sonderbar auch, dass Publikum nur für drei Wochen Zugang zu den Gewächshäusern hat. Ich dachte tatsächlich, dass die Königsfamilie Eigentümer und Finanzier sei.
    Was wir uns aber auch bewusst machen müssen: Grauenhafte Ausbeutung für die Annehmlichkeiten der industrialisierten Welt gibt es auch heute allüberall. Man denke nur an die Förderung und Verarbeitung von Seltenen Erden in China für unser aller Smartphones, PCs & Co :/ Ich habe das Gefühl, wenn man so richtig tief einsteigt, findet man kaum ein Produkt, kaum einen Ort, der nicht mit einer dunklen Geschichte verbunden ist. Oder sehe ich das alles zu schwarz?

    • Hallo liebe Jutta,
      ich war sehr gespannt, was Du wohl sagen würdest, zumal wir uns ja im Vorfeld über die Gewächshäuser unterhalten hatten. Ich war zunächst auch völlig ahnungslos und habe es kaum glauben können, was letztendlich alles über die Hintergründe zu lesen war.

      Leider ist es wirklich so, dass das kein Einzelfall ist. Nicht annähernd. Wahrscheinlich würde man an vielen Stellen viele Geschichten zutage fördern, sobald man sich intensiver mit einem Thema befasst. Das sehe ich ganz genauso wie Du. Ändern kann man nichts mehr, aber dazu stehen und daraus lernen – das wäre schon gut. Vor allen Dingen fände ich das auch von offizieller Seite unabdingbar. Zumindest ich habe davon nichts mitbekommen…

      Ja, und auch heute gibt’s leider noch genug Ausbeutung, an der Menschen, Umwelt, Tiere leiden müssen. Wir können wohl nur versuchen, hinzusehen und wo’s geht, den einen oder anderen Beitrag für Veränderungen zu leisten.

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