Türkei – hinfahren oder besser nicht?

Ich reise diese Woche in die Türkei. Ausgerechnet Türkei? Kann man das überhaupt machen?

Sicher keine einfache Entscheidung, zumal die Türkei gerade sehr präsent in den Schlagzeilen ist: Der Staat hat autoritäre Züge angenommen, die Meinungsfreiheit ist eingeschränkt, Regierungsgegner sitzen im Gefängnis und das Verhältnis mit Deutschland ist extrem angespannt.

Pro & Contra

Ich habe ein paar Argumente gesammelt, was für oder gegen eine Reise spricht. Das gilt übrigens nicht nur für die Türkei, sondern weltweit für sehr viele Länder, die nicht unserem Verständnis von Demokratie entsprechen. Diktaturen, Menschenrechtsverletzungen, Korruption – die Liste an Missständen ist teilweise lang. Meidet man all diese Länder?

Kann man noch in die USA fliegen, nachdem Trump dort zum Präsidenten gewählt wurde und wo überhaupt Todesstrafe und Waffengewalt alltäglich sind?

Kuba erlebt gerade einen regelrechten Reiseboom. Laut Amnesty International werden dort Regierungskritiker weiterhin schikaniert und politisch verfolgt. Es kommt zu willkürlichen Festnahmen und das Justizwesen steht nach wie vor unter direkter politischer Kontrolle.

Myanmar war lange eine Militärdiktatur und befindet sich auf dem Weg zu einer Demokratie. Doch der Einfluss des Militärs ist nach wir vor groß. Ethnische Minderheiten werden weiterhin verfolgt.

Die Malediven sind für viele Reisende ein Traumziel. Sonne, Strand & Palmen. Doch dieser islamische Staat ist abseits des Touristenbooms sehr arm und eine Sammelstelle religiöser Extremisten. Opposition und Presse werden seit Jahren unterdrückt.

Ich habe gerade nur ganz willkürlich einige Länder ausgewählt und die jeweiligen Themen kurz angeschnitten. Was ich damit sagen will: Es gibt sehr viele Urlaubsdestinationen, die mit ganz grundlegenden Problemen zu kämpfen haben. Viele davon sind allerdings nicht so präsent in der aktuellen Berichterstattung wie die Türkei.

Wichtig: Sich vor der Reise über die Lage im Land informieren!

Glücklicherweise ist es möglich, vorher Erkundigungen über das Land einzuziehen, in das man reisen will. Neben den Reise- und Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes lohnt es sich, einfach mal zur aktuellen Nachrichtenlage zu recherchieren. Gute Informationsquellen sind auch Amnesty International und Social Watch.

Angenommen, es stellt sich heraus, dass in dem Land, dass ich bereisen will, deutliche Missstände herrschen. Reise ich dorthin oder besser nicht?

Klar profitieren Regierungen durch Touristen in Form von Visa, Steuereinnahmen, durch staatlich geführte Airlines, Transportunternehmen, Hotels etc. Wenn ich ein Land bereise, unterstütze ich also auch die amtierenden Machthaber, auch wenn ich deren Politik eigentlich ablehne.

Andererseits: Ein Land besteht nicht nur aus der Regierung, sondern vor allem aus der Bevölkerung. Habe ich auf meiner Reise die Möglichkeit, mich den Menschen anzunähern, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, sie durch mein Geld zu unterstützen?

Ich denke, man muss diese Fragen persönlich sehr genau abwägen.

Ganz klar gibt es auch krasse Beispiele, wie z. B. Nordkorea, wo das Regime alle Besucher konsequent abschirmt und für die Aufbesserung des eigenen Images mißbraucht. In ein solches Land würde ich nicht reisen.

Meine Entscheidung für eine Reise in die Türkei

In meinem Fall habe ich für mich entschieden: Die Türkei besteht nicht nur aus Erdogan und der AKP.

Für mich zählt, dass mindestens die Hälfte der Wähler gegen ein Präsidialsystem entschieden hat, welches sämtliche Regierungsgewalt beim Staatschef bündelt. Es gibt dort nach wie vor eine Menge moderner, fortschrittlich denkender Menschen und ich freue mich auf die Türkei, wo ich ein Hotel besuche, das besonders auf Nachhaltigkeit achtet. Mehr dazu bald.


Wie geht es dir bei dem Thema? Welche Gedanken gehen dir durch den Kopf? Würdest du derzeit in die Türkei fliegen? 

Mehr Reisetipps für die Türkei findest du hier:

17 Kommentare

  1. Ich finde es falsch jetzt in die Türkei zu fahren. Es geht nicht darum, wieviele Länder auf der Erde Urlaubsdestinationen sind, die nicht unserem demokratischen Grundprinzip entsprechen, sondern dass die Türkei auf dem Wege einer Demokratischen Repuplik war, auf dem Wege in die EU einzusteigen und durch einen einzigen Machthaber nun zum Totalitären Regime wird. Wer jetzt in die Türkei fährt, muss Angst haben eingesperrt zu werden, nur weil er vielleicht mal was falsches gesagt hat oder noch nicht mal das. Ohne Rechtsgrundlage, noch nicht mal ohne Anklage. Das passiert dir in den USA und in Kuba als Tourist nicht. Und wir sind schließlich Touristen, daher untersüttze ich Ingos Ansicht. Und darum finde ich deine Vergleiche auch ziemlich unpassend. Ich mag die Türkei sehr gerne als Land und finde es sehr schade für Land und Menschen. Aber wenn man in der EU und dazu zählt nunmal jeder einzelne von uns, keinen Druck ausübt, untersützt man auch das Machtregime. Ich habe dazu selbst vor einem Jahr einen Artikel geschrieben: http://www.unterwegsunddaheim.de/2016/07/meine-erinnerung-an-die-turkei-von-damals/

    • Liebe Nicole,

      nachdem jetzt noch mal die Reisehinweise verschärft wurden, muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden, ob eine Reise in die Türkei sinnvoll ist. Dennoch handelt es sich nach wir vor nicht (!) um eine Reisewarnung und besonders nach meinem Trip im Juni bleibe ich bei meiner Einschätzung, dass kein Land dieser Welt jemals in seinen demokratischen Bestrebungen unterstützt wurde, in dem man es isoliert hat. Erdogan wird man nicht dadurch stoppen, indem weniger Urlauber in die Türkei fliegen. Ich habe mit vielen Türken gesprochen, die heilfroh waren über jeden Besucher, der noch kam. Weltoffene, moderne, europäisch denkende Türken, deren direkte oder indirekte Lebensgrundlage vom Tourismus abhängt. Und genau den Menschen schadet es, wenn Ausländer fern bleiben, während es denn Nationalisten und Europa-Gegner noch in die Hände spielt.

      Was die Inhaftierungen angeht: Es ist absolut schlimm, dass Journalisten und Menschenrechtsaktivisten willkürlich und ohne jede Rechtsgrundlage inhaftiert werden. Ich verurteile das sehr und sehe hier die Politik in der Verantwortung, sich mit aller Macht für diese Menschen und die Wahrung unserer demokratischen und europäischen Interessen einsetzen. Bei den Inhaftierten handelt es sich aber um Deutsche, die alle politisch/journalistisch/publizistisch aktiv sind, nicht um Touristen, die mal am Frühstückstisch was Falsches gesagt haben.

      Aber wie gesagt: Die persönliche Entscheidung, welche Länder man besucht oder nicht, muss jeder nach seiner eigenen Werteskala treffen.

  2. Das ist definitiv die richtige Entscheidung.
    Ich war bereits 2x mal in Marokko und in diesem Land läuft politisch leider auch einiges etwas schief.
    Amnesty International sieht die Rechte auf Meinungs-, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit im Zusammenhang mit der staatlichen Sicherheit stark eingeschränkt. Die Regierung reagiert teilweise sehr intolerant auf Meinungen oder Informationen, die als Angriff auf die Monarchie gewertet werden. Was Frauenrechte und Homosexualität betrifft, ist das Land leider (wieder) sehr rückschrittlich. Das war mal anders.
    Trotzdem habe ich das Land bereist weil mich insbesondere die Natur interessierte, ich aber auch neugierig auf die Menschen war. Tja und was soll ich sagen: Ich wurde unfassbar gastfreundlich empfangen und die Menschen sind offener als ich je gedacht hätte. Einige von ihnen finden die politschen Entwicklungen selbst nicht besonders gut und sie haben große Angst, dass die Touristen fern bleiben – für viele ist das ein existentielles Problem.
    Gerade auf dem Land habe ich mich wudnerbar mit den Leuten verstanden. Ich wurde zum Tee eingeladen, wurde von A nach B gefahren, es wurde gemeinsam gekocht und der Nationalpark-Ranger führte mich durch entlegene Areale – und nie wollten die Leute Geld dafür haben.

    Ich hoffe du wirst von der Türkei genauso positiv überrascht, aber da habe ich keine Zweifel.

  3. Ich fliege oft und gerne in die Türkei. Früher mit den Kindern in die All-Inklusive-Bunker, heute 1-2 mal im Jahr nach Istanbul. Im Juli/ August im Rahmen meiner Weltreise sogar für einen Monat. Du hast es in deinem Blog treffend beschrieben und auch ich finde, wir besuchen nicht die politische Elite, sondern das Land und die Menschen dort. Zum Kommentar von Ingo: warum sollte ich in ein Land fliegen und mich dort negativ gegen deren Präsidenten äußern….? Hier kann ich Thailand als Beispiel nennen: ein wirklich tolles Land mit tollen Menschen. Aber wehe, du äußerst dich negativ gegen den mittlerweile verstorbenen König. Auch dort wirst du ein gewaltiges Problem an der Backe haben. Erdogan mag sein Land terrorisieren oder auch nicht, ich bin kein Volkswirtschaftler. Dafür terrorisieren unsere „guten Freunde“ jenseits des Atlantiks mit ihrer aggressiven und arroganten Politik die ganze Erde. Ich suche meine Destinationen nicht danach aus, ob ich über deren politische Führer lästern darf oder nicht, oder ob dort Meinungsfreiheit herrscht. Aber das bleibt jedem selbst überlassen.

    • Viktor, vielen Dank für deine Zeilen. Das Land & Menschen für meine Tour im Vordergrund stehen, ist auch für mich ganz klar. Aber das ist in der Tat eine sehr individuelle Entscheidung – und wer bei welchem Land „Bauchschmerzen“ bekommt, ist wahrscheinlich auch ganz unterschiedlich.

    • Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich in Thailand über den König äußere ist geringer, als dass ich etwas über Erdogan oder Trump twittere. Und das aus einem ganz einfachen Grund: Beide verzapfen so viel Blödsinn, dass man täglich dazu etwas (neues) sagen kann.

      Und wenn es für Dich in Ordnung ist, jedes Wort auf die Goldwaage legen zu müssen, ist es OK. Für mich persönlich ist allerdings die Meinungsfreiheit etwas, dass ich ungerne an der Grenze abgebe…

      Und wie gesagt: Mir geht es schlicht und ergreifend darum, ob ICH verhaftet werden könnte oder nicht…

    • Hallo Victor, ich stimme dir voll und ganz zu. Auch wir haben lange überlegt, ob wir in diesem Jahr in die Türkei reisen sollen wie die Jahre zuvor. Wir haben uns dafür entschieden, weil wir die Menschen dort mögen und wissen, dass viele die Politik Erdogans verurteilen. Wir sind auch jedes Jahr zwei Monate in Thailand. Thailand hat zur Zeit eine Militärdiktatur. Da dürften wir also auch nicht hinreisen.
      Und politische Themen gehören nicht an den Frühstückstisch und auch nicht abends an die Bar.
      Und nicht nur Ephesus, Pergamon und Troja sind einen Besich wert, auch Kappadokien.
      Einen schönen Urlaub!

  4. Ich stimme Dir in dem Punkt zu, dass nicht die ganze Türkei und alle Türken mit Erdogan gleichzusetzen ist.

    Ich tue mich allerdings, trotz Trump, sehr schwer damit, die USA auf eine Stufe mit der Türkei zu stellen. Und zwar aus einem entscheidenden Grund: In den USA wirst Du, zumindest als ausländischer Besucher, nicht unbedingt willkürlich verhaftet, nur weil Du etwas missliebiges über den Präsidenten äußerst. Der erste Verfassungszusatz ist selbst dem unterbelichtesten Cop in USA ein Begriff. Selbst wenn Dich irgendein Sheriff einlocht, musst Du keine Angst haben, dass man aus Dir einen Spion macht. Und auch konsularische Unterstützung wird nicht versagt.

    In Zeiten, in denen ein Denis Yücel immer noch in der Türkei im Knast sitzt, tue ich mich mit dem Gedanken, als Journalist dieses Land zu bereisen, extremst schwer. Ich würde es nicht tun, da ich ganz ehrlich Angst habe, dass man mich verhaften würde. Und das nur, weil ich eine eigene Meinung besitze. Und es ist es mir nicht wert, meine Klappe halten zu müssen, nur weil eine schnell zu beleidigende Leberwurst in Ankara die Macht ausübt.

    Ich wünsche Dir trotzdem eine gute Reise und komm‘ heil zurück!

    • Als Journalist, der über politische Hintergründe schreibt, sähe die Situation wahrscheinlich noch mal ganz anders aus. Da ich aber dann doch eher als „normaler Tourist“ unterwegs bin und ich ein sehr cooles Hotel kennenlerne darf, was sich besonders um Nachhaltigkeit bemüht, ist meine Themenfeld nicht so problematisch.

      Lieben Dank für die guten Wünsche!!!

  5. Hallo Beatrice
    Ich wünsche dir einen schönen Urlaub. Leider reizt mich die Türkei als Urlaubsland allgemein nicht, war schon einmal dort, aber ich sehe es auch so wie du hier schreibst und auch Oli hat es treffend formuliert.
    Liebe Grüße und eine schöne Zeit

    • Für mich hat die Türkei ganz unterschiedliche Gesichter. Ich freue mich schon total auf Ephesus, weil das glaube ich eine total interessante antike Anlage ist. Ich würde auch mal echt gerne Istanbul kennenlernen – da war ich bisher noch nie!

      Vielen Dank für die guten Wünsche & liebe Grüße!

  6. Das sehe ich genauso. Mit einem Reiseboykott zerstört man die Lebensgrundlage der gewöhnlichen Menschen. Und eine kollabierende Wirtschaft war noch nie der Nährboden für Demokratie und Menschenrechte.

  7. Hallo Beatrice,

    ich bin vor nicht mal einem Monat im Zuge der Allgäu-Orient-Rallye knapp 1.5 Wochen durch die Türkei gefahren. Hatte ich vorher doch einige Vorurteile, vor allem wegen der von dir angesprochenen Punkte, wurde ich dort eines besseren belehrt. Nirgends bin ich vorher auf Reisen auf so viel Gastfreundschaft gestoßen. Ich habe die Zeit dort unglaublich genossen und es wird sicherlich nicht mein letzter Trip gewesen sein. Ich wünsche dir auf alle Fälle viel Spaß!

    Lieben Gruß,
    Elisa

    • Das klingt gut! Ich freue mich auch schon sehr auf die Reise und glaube, dass es echt toll wird.

      Ganz lieben Dank & viele Grüße zurück!!!

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