Der Juni ist ein guter Monat für Reisen, die nicht spektakulär sein müssen. Die Hochsaison hat noch nicht begonnen, vieles ist offen, weit, unfertig im besten Sinne. Wer jetzt unterwegs ist, sucht oft weniger Abwechslung als Tiefe – Bewegung statt Bespaßung, Landschaft statt Programm. Meine Reiseziele im Juni führen in die Schweiz, genauer nach Graubünden: auf Weitwanderwege im Prättigau und in Walserdörfer, die nicht museal wirken, sondern gelebt. Es geht ums Unterwegssein, ums Gehen über mehrere Tage, ums Ankommen in Orten, die ihre Eigenständigkeit bewahrt haben. Frühsommer in den Bergen – klar, ruhig und genau richtig für alle, die gerne langsam unterwegs sind.
Inhalt auf einen Blick
Ruhe, die süchtig macht – Bergwandern in Graubünden
Ich war nie eine hartgesottene Alpinistin. Nicht unsportlich, aber Tagestouren haben mir lange gereicht. In Graubünden habe ich dann doch ein neues Kapitel aufgeschlagen: drei Tage Bergwandern, inklusive Hüttenübernachtung. Ich würde mich jetzt nicht mit zweitem Vornamen Reinhold nennen – aber es war definitiv mehr als ein Spaziergang.
Ich war auf dem Prättigauer Höhenweg unterwegs, einem rund 53 Kilometer langen Weitwanderweg durch das Prättigau. Die komplette Route lässt sich in vier Tagesetappen gehen. Ich habe mich bewusst auf zwei Etappen beschränkt und bin am dritten Tag von der Hütte abgestiegen – ideal für alle, die Mehrtagestouren ausprobieren wollen, ohne gleich zu lange unterwegs zu sein.
Meine Route:
- Tag 1: Madrisa Bergbahn (Klosters Dorf) bis St. Antönien
- Tag 2: St. Antönien bis Carschinahütte
- Tag 3: Abstieg von der Carschinahütte zurück nach St. Antönien, anschließend Rückfahrt mit dem PostAuto
Etappe 1: Madrisa Bergbahn – St. Antönien
Am ersten Tag war ich mit Naturführer Chlasi unterwegs, was sich als großes Glück erwies. Dichter Nebel lag über dem Prättigau, Wolkenfetzen hingen in den Baumwipfeln, Tiefblicke blieben reine Vorstellungssache. Mit Guide geht man entspannter: Man redet, schweigt, läuft – ohne ständig auf die Orientierung achten zu müssen.
Der Abstieg nach St. Antönien zieht sich etwas. Wer Knie schonen möchte, kann an der Aschariner Alp auf ein Trottinett umsteigen und den Weg abkürzen (Reservierung empfohlen).
Übernachtet haben wir im Hotel Rhätia in St. Antönien – ein einfaches, herzlich geführtes Haus mit viel Charakter. Dachzimmer, alte Balken, Blick auf die Dorfkirche. Trotz nächtlichem Glockenschlag habe ich geschlafen wie ein Murmeltier. Wahrscheinlich eine Mischung aus gutem Essen, frischer Luft und einem Glas Pinot Noir zu viel.
Etappe 2: St. Antönien – Carschinahütte
Der zweite Tag begann sanft: Almwiesen, Sonne, ein ruhiger Anstieg bis zum Partnunsee, der wie ein vergessenes kleines Paradies in der Landschaft liegt. Danach wird es alpiner. Je näher man der Carschinahütte kommt, desto steiniger und schroffer wird das Gelände. Anfang Juni waren noch einige Schneefelder zu queren – ein guter Grund, sich vorab nach den aktuellen Bedingungen zu erkundigen.
Die Carschinahütte liegt auf 2.221 Metern. Übernachtet wird im Matratzenlager, gewaschen wird kalt, Komfort ist reduziert – dafür bekommt man echtes Hüttenleben, einfache, gute Küche und eine besondere Stimmung, wenn abends Ruhe einkehrt.
Etappe 3: Carschinahütte – St. Antönien
Der Abstieg ist unkompliziert und in etwa zweieinhalb Stunden machbar. Zurück nach Klosters Dorf ging es per PostAuto über Küblis – unkompliziert und gut organisiert.
Wer den gesamten Prättigauer Höhenweg in vier Tagen gehen möchte, kann die Tour auch als Paket buchen. Für mich war diese verkürzte Variante genau richtig: genug Herausforderung, viel Landschaft – und ein sehr guter Einstieg in das Mehrtageswandern in der Schweiz.
Unterwegs in den urigen Bergdörfern der Walser
Ich schaue nach rechts und schaudere. Der Blick in die Tiefe der Rheinschlucht ist spektakulär – und für eine Akrophobikerin wie mich furchteinflößend. Zum Glück muss ich meine Höhenangst nicht allzu lange bezwingen: die Autostraße führt uns vom Abgrund weg – über Versam in Richtung Valendas, unserer ersten Etappe im Safiental in Graubünden.
Valendas – ein historisches Bergdorf mit Perspektive
Das Wasser plätschert in einen großen Holzbrunnen mitten auf dem Dorfplatz – angeblich ist er der größte seiner Art in Europa. Was mich noch mehr beeindruckt: über den Brunnen wacht wie eine Galionsfigur eine Brunnennixe mit Florentinerhut. (Für mich sieht sie eher aus wie eine Meerjungfrau mit Sombrero, aber maritime Fabelwesen mexikanischer Abstammung dürften sich kaum in die Schweizer Berge verirrt haben.)
Die nächste Überraschung liegt gleich nebenan: Im historischen „Engihuus“ befindet sich das Gasthaus am Brunnen. Als ich neugierig durch ein Fenster in die Gaststube schaue, entpuppt sich das betont schlichte, unprätentiöses Restaurant als Gourmet-Tempel, das im Gault Millau mit 15 Punkten bewertet ist. Das Gasthaus ist oft ausgebucht und zieht Gäste aus großer Entfernung an, bestätigt mir auch Regula Ragettli, die Dorf- und Museumsführerin in Valendas.
Bei einem Spaziergang durch Valendas wird schnell klar, dass diese Idylle kein Zufall ist. Hinter den historischen Fassaden steckt viel Engagement. Initiativen wie Valendas Impuls setzen sich dafür ein, alte Bausubstanz zu erhalten und sinnvoll weiterzunutzen. So entstehen neue Perspektiven für ein Dorf, das nicht zum Freilichtmuseum werden will, sondern lebendig bleibt.
Tipps & Highlights Valendas
Im historischen Türalihus in Valendas kann man Ferien im Baudenkmal machen. Mehr Informationen dazu gibt es bei der Stiftung Ferien im Baudenkmal auf www.ferienimbaudenkmal.ch.
Feinschmecker und Liebhaber gehobener regionaler Küche werden es lieben: das Gasthaus am Brunnen ist gleichermaßen Restaurant und kleines Hotel.
Für einen spektakulären Blick über die Rheinschlucht bietet sich die Aussichtsplattform Islabord an.
Versam & Tour durch das Safiental
Nach unserem Rundgang durch Valendas haben wir im Gasthaus Rössli in Versam übernachtet. Besonders schön fand ich das Frühstück auf der Sonnenterrasse mit der besten hausgemachten Erdbeermarmelade, die ich seit langem gegessen habe. Am nächsten Morgen ging es auf folgender Route weiter durch das Safiental: Versam – Safien-Platz – Thalkirch – Wanderung zum Wasserfall – Rückfahrt bis Tenna
Tipps & Informationen zum Safiental
In Camadaboda (bei Safien-Platz), der höchsten, ganzjährig bewohnten Siedlung des Safientales auf fast 1.800 m, kann man ein altes Walserhaus besichtigen, das noch alle Einrichtungsgegenstände beinhaltet, die bei einem Wohnhaus üblich waren. Hier gibt’s alle Informationen über das Museum Safien Camana.
In Thalkirch haben wir einen kurzen Stop beim Gasslihof gemacht, um etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen.
Der Wasserfall ist perfekt für eine Mini-Wandertour mit Ausblick über das Safiental. Am besten parkt man das Auto am Ausgleichsbecken bei Wanna. Von dort aus sieht man den Wasserfall schon. Entweder macht man einen gemütlichen Spaziergang bis zu der Wiese, die vor dem Wasserfall liegt, oder man kraxelt noch den kurzen, steilen Anstieg bis zum Fuß des Wasserfalls.
Das alte Walserdorf Tenna – Sonnenterrasse des Safientals
Bei einsetzender Dämmerung sind wir nach Tenna gefahren, wo wir im Berghotel Alpenblick übernachtet haben. Das ehemalige Luftkurhaus hat sich zu einem Wohlfühl-Berghotel mit einer gelungenen Mischung aus alten Strukturen und neuem Design entwickelt. Leider hatten wir viel zu wenig Zeit, alles richtig auszukosten, aber immerhin sind wir in den Genuss eines hervorragenden Abendessens gekommen und konnten auf der Veranda mit Blick auf das Safiental frühstücken.
Tenna bezeichnet sich selbst als Sonnenterrasse des Safientals. Was hängen bleibt, ist vor allen Dingen die Begegnung mit den Menschen vor Ort – engagiert, offen, tief verwurzelt. Zum Beispiel Jakob Bardill, der als Lehrer in Tenna gearbeitet hat, und uns den Ort und die gotische reformierte Kirche aus dem Jahr 1408 mit ihrer aufwändig restaurierten spätgotischen Wandmalerei erklärt. Ein leiser, sehr eindrücklicher Teil Graubündens – ideal als Reiseziel im Juni, wenn der Frühsommer gerade beginnt.
Weitwandern und Walserdörfer ergänzen sich auf eine stille Art. Während der Weg den Blick öffnet und den Rhythmus verändert, erden die Dörfer – mit ihrer Geschichte, ihrer Einfachheit und den Menschen, die hier geblieben sind. Gerade im Juni passt diese Kombination besonders gut: Die Landschaft ist präsent, aber nicht überladen, Begegnungen entstehen beiläufig, ohne Inszenierung.
Graubünden zeigt sich hier nicht als spektakuläre Reiseziele im Juni, sondern als Raum. Zum Gehen, zum Schauen, zum Nachdenken. Wer im Frühsommer reist und bereit ist, sich darauf einzulassen, findet genau darin seine Qualität.
Der Artikel über Reiseziele im Juni ist auf Basis einer individuellen Recherchereise entstanden. Herzlichen Dank an Graubünden Ferien und Prättigau Tourismus, die mir die Tour durch die Region Prättigau ermöglicht haben.