“Die letzten 300” – Schweinswale in der Ostsee beobachten

Schweinswale in der Ostsee

Die Wellen kommen auf uns zugerollt und der Bug des Schiffes wippt auf und ab. Immer wieder spritzen salzige Fontänen in die Höhe. Der Kapitän ermahnt uns, dass wir uns gut festhalten. Das hätte er mir gar nicht sagen brauchen, denn ich werde bei jedem Schritt hin- und hergeschleudert. Irgendwie hatte ich mir das ruhiger vorgestellt. Schließlich sind wir “nur” in der Lübecker Bucht. Ein klein wenig Übelkeit kriecht in mir hoch. Ich erinnere mich, dass es mir bei meiner letzten Whale-Watching-Tour vor vielen Jahren an der Ostküste der USA nicht ganz so gut ging.

Kommt überhaupt nicht in Frage, dass ich mir das jetzt versauen lasse, denke ich. Wir sind noch den ganzen Tag auf der Ostsee unterwegs, um hoffentlich die scheuen Schweinswale zu entdecken. Ich muss durchhalten. Also, tief Lust holen und auf das kleine Aussichtsdeck auf der Kajüte klettern. Oben lasse ich mir den Wind um die Nase wehen und behalte den Horizont fest im Auge. Das ist ohne hin unser Auftrag, das Meer aufmerksam zu beobachten. Schweinswale sind nur maximal 1,60 m groß und nicht so leicht zu entdecken. Wenn sie auftauchen, sieht man mal kurz die Rückenflosse aufblitzen, aber oft sind sie schnell wieder verschwunden.

Schweinswale in der Ostsee (und auch in der Nordsee)

Als ich 2014 auf Texel war, habe ich auch ecomare besucht, die älteste Seehundauffangstation in Europa, wo ich zum ersten Mal von Schweinswalen erfahren habe. Dort lebten zwei gerettete Exemplare, die aber leider nicht mehr ausgewildert werden konnten. Einen Wal hatte man halbtot am Strand gefunden und er war nie mehr richtig zu Kräften gekommen. Ein Jungtier hatte zu früh seine Mutter verloren und deshalb nie gelernt, wie man selbst jagt.

Wunderschön, oder?

“Die letzten 300” sind vermutlich etwa 450

Umso schlimmer, dass die Population in der zentralen Ostsee akut vom Aussterben bedroht ist. Ganz genaue Zahlen gibt es nicht, aber der Bestand wird auf ungefähr 450 Tiere geschätzt.

Diese schlimme Entwicklung ist mir erst durch den WDC (Whale & Dolphin Conservation) klar geworden, die sich mit einem speziellen Schutzprogramm für den Schweinswal einsetzen. Die Organisation hat auch den Ausflug an den Timmendorf Strand ermöglicht, damit ich mich zusammen mit anderen Bloggern über den Schweinswal informieren kann und auch über die Gründe, die seinen Bestand gefährden.

Warum ist der Schweinswal so stark gefährdet?

Beifang ist das entscheidende Stichwort.

Seit den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts sind traditionelle Fangmethoden immer mehr durch eine industrielle Fischerei mit einer enorm hohen Fangintensität ersetzt worden. Das hat katastrophale Folgen für die Fischbestände, die häufig hochgradig “überfischt” oder sogar schon kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Die Zunahme moderner kommerzieller Fangflotten gefährdet auch alle anderen Meeresbewohner, die als “Beifang” im Netz landen. Das betrifft weltweit Wale, Delfine, Meeresschildkröten und viele andere Tiere.

Ein Teil des Beifangs (rund 80 Millionen Tonnen weltweit!) wird angelandet und meist zu Fischmehl verarbeitet. Noch mal weitere geschätzte 30 Prozent dieser Menge wird tot oder schwer verletzt über Bord geworfen. Dieses sogenannte “Dicarding” ist mittlerweile in einigen Ländern verboten. (Quelle: Das Ozeanbuch – Über die Bedrohung der Meere über das ich auch eine Rezension geschrieben habe.)

Auch für Schweinswale geht die größte Gefahr von Fischernetzen aus, in denen jedes Jahr mehr Tiere sterben, als neue geboren werden.

Stellnetze sind für Schweinswale besonders gefährlich

“Was zum Teufel ist ein Stellnetz?” habe ich mich gefragt, als ich davon hörte. Da ich nicht an der Küste lebe, konnte ich mir darunter ehrlich gesagt nicht viel vorstellen, bis ich beim Start unserer Bootstour im Hafen etliche Stellnetze in Bottichen liegen sah.

Die Netze sind meterlang und bestehen aus sehr feinen, nahezu unsichtbaren Nylonfäden. Ich habe mit der Hand hineingegriffen und mich sofort selbst verheddert. Allerfiesestes Teufelszeug. Die dünnen Fäden halten alles fest, was in die Nähe kommt und schneiden sofort in die Haut, wenn man sich bewegt.

Der Gebrauch von Stellnetzen ist sowohl in der Binnen- als auch in der Küstenfischerei üblich. Entweder werden sie an Schwimmern hängend in der gewünschten Tiefe aufgestellt oder als Bodennetze auf den Gewässergrund verankert. Die gefangenen Fisch verheddern sich sehr stark und verletzten sich dabei. Der Einsatz von Stellnetzen in der Küstenfischerei ist wegen des “Verdachts” auf großen Beifang umstritten (was aber nicht heißt, dass man daran etwas ändert…). (Quelle: Wikipedia)

Weitere Gefahren für den Schweinswal

Vor allem die Bestände in der Ostsee sind in den vergangenen Jahren immer mehr zurückgegangen, da der Mensch massiv in den Lebensraum der Schweinswale eingreift. Weitere Gefahren sind:

Unterwasserlärm, z. B. durch den Bau von Windkraftanlagen – Beim Einrammen der Fundamente entsteht extremer Lärm, der die Wale dauerhaft vertreibt. Die Situation würde sich sofort verbessern, wenn effektive Schallschutzmaßnahmen wie z. B. Blasenvorhänge angewendet werden oder alternative Baumethoden zum Einsatz kommen, die es auch bereits schon gibt.

Chemische Verschmutzung (z. B. durch Düngemittel, Pestizide & sonstige Schadstoffe, Plastikmüll etc., was hauptsächlich über die Flüsse ins Meer gelangt)

Klimawandel – Durch die vom Mensch freigesetzten Treibhausgase verändert sich weltweit die Natur in einem unglaublichen Tempo, auch die Ozeane. Die Meeresoberflächentemperatur und der CO2-Gehalt steigen und bringen ganze Öko-Systeme aus dem Gleichgewicht.

Lebensraumverlust durch kommerzielle Nutzung der Meere (z. B. durch Tourismus und Schiffsverkehr)

Fehlende Nahrung (z. B. durch Überfischung)

Was kann jeder Einzelne tun, um unsere Schweinswale und alle anderen Meeresbewohner besser zu schützen?

Jetzt habe ich ganz viel über die Gefahren erzählt. Aber es bringt nichts, jetzt zu denken: “Oh, wie schlimm” und dann: “Da kann ich wohl nicht viel machen…”

Doch, wir alle können etwas tun!

  • weniger Meeresfisch essen, eher auf Süsswasserfisch aus nachhaltiger Zucht setzen
  • Müll vermeiden – besonders Plastikmüll und Mikroplastik
  • mehr biologisch erzeugte Lebensmittel kaufen, was wiederum ein Statement gegen Pestizide und Überdüngung ist
  • generell den eigenen Konsum überdenken: was kaufe ich, wie viel kaufe ich, welches Fleisch esse ich – das alles hat Auswirkungen auf unseren CO2-Footprint und damit auf das Weltklima
  • Organisationen wie den WDC unterstützen, die sich für Bildungsarbeit einsetzen und im Dialog mit Politikern, Behörden und Entscheidungsträgern den Meeresschutz vorantreiben. (Mit Veröffentlichung dieses Artikels habe ich selbst auch an den WDC gespendet.)

Das war doch noch was…

Ich bin dir noch die Antwort schuldig, ob wir tatsächlich Schweinswale entdeckt haben. Ja, wir durften zwei Exemplare aus der Ferne bewundert – vermutlich eine Mutter mit ihrem Nachwuchs. Leider habe ich sie nicht gesehen, weil ich im entscheidenden Augenblick unten im Boot war. Sehr schade.

Aber der kleine, hübsche Wal wird mir jetzt immer im Kopf bleiben und dir vielleicht auch.

Schweinswale beobachten – Wo ist das möglich?

Insgesamt gibt es mindestens vier Populationen in deutschen Gewässern:

  • eine in der Nordsee
  • zwei in der westlichen Ostsee
  • eine kleine Restpopulation in der zentralen Ostsee

Im Gebiet vor Sylt, in der Eckernförder und der Kieler Bucht aber auch um Fehmarn kann man sie regelmäßig beobachten, teilweise sogar von Land aus.


Mein herzlicher Dank geht an WDC (Whale and Dolphin Conservation) Deutschland für die Einladung zu dieser Reise. Ermöglicht wurde unsere Tour durch die engagierte Unterstützung der folgenden Partner:

Hoteltipp

Wer sich in das Abenteuer Ostsee stürzen will, der braucht natürlich auch ein Dach über den Kopf und ein Kissen, um abends das müde Haupt zur Ruhe zu legen. Ich habe mich im SAND sehr wohl gefühlt. Nur wenige Minuten trennen das Hotel vom Strand, wo man zu langen Spaziergängen starten kann.

Der ganze Stil des Hotels ist modern, clean, zurückgenommen. Viel Holz, dezente Farben, Naturmaterialien – die maritime Atmosphäre setzt sich auch im Innern fort. Das Restaurant öffnet sich auf eine Holzterrasse, die mit Strandhafer gesäumt ist und wo man ungestört einen Drink nehmen kann. Die Zimmer im Altbau sind frisch renoviert mit schlichtem Mobilar und komfortablen Betten mit Kokosmatratzen – viel Platz ist allerdings nicht: also eher was für Reiseminimalisten. Ein Neubau-Trakt ist gerade fertig geworden und wartet auf Gäste.

Mein Highlight am Morgen war das wunderbare Frühstücksbuffet. Nicht übermäßig groß, aber von allerbester Qualität mit selbst gemachten Marmeladen und duftenden Brot – auch Vegetarier und Veganer haben genug Auswahl. Abends im Restaurant sind wir ebenfalls köstlich bewirtet worden. Noch mal herzlichen Dank dafür.

Mehr über das Hotel ist auch bei Green Pearls® zu finden.

 

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