Wie ein Märchen aus 1001 Nacht – Das Sahara Festival in Douz

Mit donnernden Hufen und eingehüllt in eine Staubwolke umkreisen die Pferde den Festivalplatz. Zwei Favoriten liegen vorn, stürmen dicht nebeneinander ins Ziel, Kopf an Kopf. Die beiden Reiter beugen sich im wilden Galopp zueinander, umarmend sich lachend. Die Massen auf der Tribüne toben im frenetischen Jubel und feuern die Wettkämpfer an.

Aber eigentlich fängt die Geschichte ganz anders an.

„Hast du nicht Lust, mit zum Sahara-Festival zu kommen?“

fragt mich Britta vom Looping Magazin am Telefon. Wir kennen uns schon jahrelang und haben etliche Reisen zusammen gemacht. Ich bin sofort ganz Ohr. Wenn Britta etwas gut findet, dann ist es auch gut.

„Sahara-Festival?“, frage ich, „Davon habe ich im Leben noch nicht gehört!“ Britta erzählt von der kleinen Wüstenstadt, Douz, tief im Süden Tunesiens, von einer Zusammenkunft der Sahara-Bewohner, von Kamelrennen und Pferde-Wettkämpfen. Kurz vor Weihnachten soll es los gehen. Ich werfe nicht mal einen Blick in den Kalender, sondern sage einfach ja. Das will ich mir um keinen Preis entgehen lassen.

Ein Sahara-Festival, das in Europa kaum bekannt ist

Als ich auflege und bei Google nach dem Festival suche, zeigt die Suchmaschine erstaunlich wenige Informationen. Das Festival ist in Europa nahezu unbekannt. Immerhin erfahre ich, dass der Ursprung des Festivals bis auf das Jahr 1910 zurück geht, als es von den in Douz ansässigen Berberstämmen als „Fest der Kamele“ zelebriert wurde und ein Marathon mit den langbeinigen, weißen Renndromedaren stattfand.

Im Jahr 1967 wurde das Programm ausgeweitet mit Pferderennen, Windhund-Wettbewerben, traditionellen Vorführungen und einem Wettstreit der Dichter. Der damalige Präsident von Tunesien Habib Bourguiba war ein großer Unterstützer der nomadischen Wüstenstämme und wollte ihre Traditionen und Lebensweise pflegen.

Mittlerweile ist das Festival eine der wichtigsten Veranstaltungen in Nordafrika und tausende Besucher aus den umliegenden Ländern strömen Ende Dezember nach Douz. Der genaue Termin wird immer erst wenig Monate vorher festgelegt und ist an das Ende der Dattelernte geknüpft.

2018 findet das Sahara Festival zum 51. Mal statt und dauert drei Tage: vom 20. bis zum 23. Dezember.

Internationales Sahara Festival in Douz

Douz ist eine Oasenstadt am Rand der Grand Erg Oriental, dem größten Sandmeer der Sahara und wird deshalb auch „Tor zur Sahara“ genannt. In früherer Zeit war Douz ein wichtiger Halt auf der Transsahara-Karawanenroute. Heute ist die Stadt touristisches Zentrum und Ausgangspunkt für Kameltouren und Wüstentrekking. Immer donnerstags findet hier der größte Wochenmarkt Südtunesiens statt, auf dem auch ein reger Viehhandel betrieben wird. Als wir mittags ins Stadtzentrum kommen, sehen wir noch einige Händler mit Schafen und Ziegen. Aber die Dromedare sind schon weg.

Dafür scheint die ganze Stadt auf den Beinen zu sein. Es ist viel los an diesem Tag. Ich sichte einige prächtig gekleidete Reiter, die auf ihren Pferden über die Straße tänzeln. Auf dem Marktplatz steht ein opulent geschmückter Hengst samt seinem Besitzer, der stolz für Fotos posiert. Noch ahne ich nicht, wohin die ganzen Vorbereitungen führen und was mich am Nachmittag auf dem Festivalplatz erwartet.

Momentan interessiert mich noch mehr die heiße, frisch zubereitete Mtabga, die ich an einem Straßenstand esse. Der gefüllte Teigfladen ist ein typisches Gericht im Süden Tunesiens und wird auch als „Berber-Pizza“ bezeichnet. Die (mal mehr, mal weniger) scharfe Soße im Innern besteht aus Olivenöl, Zwiebel, Chili und anderen Gewürzen. Unbedingt probieren!

Lasst die Spiele beginnen

Zeitig am Nachmittag fahren Britta und ich zum riesigen H’nish Platz außerhalb der Stadt direkt am Rande der Wüste. Eine Seite der Arena ist von einer großen Gästetribüne abgeschlossen, auf der anderen Seite sind in einem großen Halbkreis Beduinen-Zelte aufgebaut. In der Mitte tummeln sich die Menschenmassen und ich bin auf einen Schlag wie elektrisiert. Die Stimmung steckt an.

Wir werden mit einem Journalistenausweis und einer Weste ausgestattet, die uns weithin auf englisch und arabisch als „Presse“ ausweist. Eigentlich sollen wir vor der Tribüne Platz nehmen, um gesittet dem Schauspiel zu folgen. Einige aufgeregte Security-Leute versuchen, uns von dem Gedränge und den galoppierenden Pferden abzuschirmen. Aber dort genau wollen wir hin.

Das Geschrei der Security ignorierend, versuche ich die andere Seite zu erreichen, wo das Leben brodelt. Aus dem Augenwinkel beobachte ich, dass Britta eine ähnliche Strategie anwendet und sich langsam von der Tribüne entfernt. Sie gibt mir zu verstehen, dass sie ihren Freund Riad suchen geht. Ich soll mich anschließen.

Hier kannst du Brittas Artikel über das Festival lesen.

Immer wieder werde ich von allzu eifrigen Ordnungshütern verscheucht, lasse mich widerwillig ein paar Meter zurück zur Tribüne dirigieren, um möglichst schnell wieder zu entwischen.

Um mich wogt und vibriert es. Aufwändig geschmückte Reiter, hochbeinige Kamele, aufgeregte Hengste. Alle schreiten, posieren, tänzeln, galoppieren. Sehen und gesehen werden gehört hier dazu. Die traditionellen Gewänder, der Schmuck der Pferde, alles ist sorgfältig aufeinander abgestimmt. Ein lebendes Gesamtkunstwerk.

Ich fotografiere und versuche dabei, nicht unter die Hufe zu geraten. Aber zum Glück kann hier jeder reiten wie ein Gott der Wüste. Ich mache mir weniger Sorgen um meine Unversehrtheit, als bloß nichts zu verpassen.

Mittendrin statt nur dabei

Während ich noch überlege, wie wir in dieser Menschenmenge Riad finden sollen, steht der plötzlich wie aus dem Boden gewachsen vor uns. Da hier so wenige Europäer unterwegs sind, fallen wir unter den Beduinen auf.

Er und sein Freund Fethi zeigen uns stolz ihre Dromedare und fragen, ob wir reiten wollen. Klar wollen wir. Etwas widerwillig unterbrechen die Tiere ihr nachmittägliches Dösen und erheben sich aus ihrer Ruheposition. Aus der Reiterperspektive bestätigt sich: die Renndromedare sind wirklich groß und der Sattel fühlt sich für mich ungewohnt und hart an. Fethi drückt meine Füße in den Dromedarnacken und ermahnt mich, sie dort zu lassen. Außerdem soll ich mich am Sattel festhalten. Schon geht es im schaukelnden Passgang über das Festival.

Immer wieder weist mich Fethi darauf hin, wenn es etwas Besonderes zu sehen gibt. In der Ferne läuft das Dromedarrennen. Die Reiter schreien und treiben ihre Tiere noch schneller vorwärts, die Menge auf der Tribüne tobt. Ich habe nichts dagegen, dass mein Reittier gemächlich unterwegs ist und mich ruhig und gleichmütig über den Platz trägt.

Fethi läuft vor mir, das gibt mir Gelegenheit, seinen kunstvoll gewickelten, blütenreinen Cheche aus der Nähe zu betrachten. Unvorstellbar, wie man es schafft, eine 20 Meter lange Stoffbahn in so gleichmäßiger Perfektion um seinen Kopf zu schlingen. Ein paar Lagen sind lässig um die Schultern drapiert, ein Teil verhüllt Mund und Nase, nur die mit Kajal umrandeten Augen sind zu sehen. Während die Frauen unverschleiert sind, haben auf dem Festival viele Männer ihr Gesicht bedeckt. Ich frage Fethi, was hinter der Tradition steckt. Es dient dem Schutz vor Hitze und Kälte und soll bei einem Sturm verhindert, dass Sand in Mund und Nase gelangt.

Fethi gehört zum Stamm der Bedwan und sieht so selbstverständlich aus in seinem traditionellen Gewand, dass ich Mühe habe, ihn mir in Alltagskleidung vorzustellen. Wie oft er sich so anzieht, will ich wissen. Oft, antwortet er, nicht nur zu besonderen Anlässen, sondern gerne auch auf Reisen und wenn er einfach Lust dazu hat. Es ist Teil seiner Persönlichkeit. Das merkt man bei allen Besuchern des Festivals. Hier wird keine Folklore aufgeführt. Das sind keine modernen Ritterspiele, sondern gelebte Identität. Deshalb ist die Atmosphäre so aufgeladen, die Leidenschaft so mitreißend.

Vom Kamelrücken auf den Pferdesattel

Ich mag die eigenwilligen Dromedare, aber noch viel mehr begeistern mich die schnellen, wendigen, temperamentvollen Berberpferde. Wir sitzen nach unserem Rundritt ab und gehen zu den Pferden. Riad ist mit seinem Hengst Araff auf dem Festival. Fethis Pferd heisst Halota. Ich habe schon ewig nicht mehr im Sattel gesessen, aber ich merke, dass ich schnell mit der Bewegung von Halota vertraut werde, der stürmisch und sanft zugleich ist. Alles fühlt sich richtig an und ich hätte nichts dagegen, dass Festival hinter mir zu lassen und immer weiter zu reiten in die große, sandige Weite. Fethi fragt mich, ob ich galoppieren möchte. Hier auf dem Festival nicht, aber beim nächsten Mal, in der Wüste.

Wenn die Sonne am Horizont versinkt

Der erste Festivaltag geht zu Ende. Die Sonne sinkt immer tiefer und taucht den Platz in  ein warmgoldenes Licht. Die Reiter mit ihren Pferden und Kamelen verschwinden langsam. Jetzt kommt die Stunde der Angeber, die mit Quads und Mopeds über das Gelände rasen und mit heulenden Motoren ein wenig Aufmerksamkeit erhaschen wollen. Zeit, zu gehen.

Was mich meine Tunesien-Reise gelehrt hat

Zwei Wochen habe ich das Schreiben dieses Artikels vor mir her geschoben, wusste nicht so recht, wie ich die Fülle meiner Empfindungen in Worte und Sätze packen soll. Afrika war seit ich denken kann der Kontinent, für den ich die größte Faszination empfand. Meine erste Reise nach Namibia und viele weitere nach Botswana, Tansania und Südafrika haben das bestätigt.

Bisher bezog sich mein Interesse aber nur auf die Regionen unterhalb der Sahara. Nordafrika war ein großer, weißer Fleck. Zwar war ich sicher, dass mich die Sahara faszinieren würde, aber eine gewisse Skepsis gegenüber Tunesien hatte ich. War mir doch ein Besuch vor 15 Jahren in eher zwiespältiger Erinnerung geblieben, weil mich einige allzu eifrige Handelsleute damals zu ausdauernd bedrängt hatten. Dazu der negative Einfluss, den einige radikale Strömungen des Islams in unseren Köpfen hinterlassen haben und der damit nur allzu leicht auf die Wahrnehmung der ganzen arabischen Kultur abfärbt. Nur gut, dass keiner dieser Schubladen-Gedanken die Oberhand gewann und ich meinen Eindruck von damals noch einmal überprüft habe. So wurde ich belohnt mit der Begegnung einer Jahrhunderte alten, reichen Lebensweise und einer überschwänglichen Gastfreundschaft. Meine Afrikaliebe erstreckt sich jetzt auf den gesamten Kontinent und ich will eigentlich nur eins: so schnell es geht zurück dorthin.

Ich hoffe, dass Tunesien seine Strategie des Ökotourismus erfolgreich umsetzen kann, um den Süden auf sanfte Art zu entwickeln und vielen interessierten Gästen dieses unglaubliche Erlebnis ermöglicht, ohne das magische Sahara-Festival von Besuchermassen zu überfluten.


Auf dem Sahara Festival war ich auf Einladung von Discover Tunisia. Vielen Dank an Andrea Philippi, die uns durch diese abenteuerlichen Tage begleitet hat. Danke auch an Britta, der besten Reisepartnerin, die man sich wünschen kann. Ich freue mich auf unseren nächsten Trip. 

My special thanks go to Fethi and Riad who took us around at the festival and made sure that we had such an amazing time. We hope to be back to Tunisia soon. Inschallah.

6 Kommentare

  1. Wunderschöne Fotos! Hat mich gefreut den Artikel endlich zu lesen, nachdem ich schon auf Twitter über deine Reise gelesen hatte! Da kommen Erinnerungen meiner Tunesienreise auf. Douz und Tozeur waren so toll.

    VG
    Oliver von wasgesternwar.com

  2. Wow! Was für magische Fotos und was für ein toller Text Beatrice! Du hast die Stimmung dieses Festivals perfekt transportiert: die Aufregung, die Begeisterung, die Unruhe … und in mir große Sehnsucht geweckt, Tunesien auf diese Weise auch mal zu entdecken.

  3. Ich muss mir gerade eine kleine Träne aus dem Augenwinkel wischen, so schön ist der Artikel. Danke Beatrice, dass ich in Gedanken kurz nochmal mit Dir auf dem Festival unterwegs sein konnte und danke, dass du spontan mitgekommen bist und meine Begeisterung für das Land und die Leute teilst. Wir sehen uns. Und ich freue mich darauf!

    • Ich habe beim Schreiben auch Tränen vergossen. Es war mir ein Fest, diesen Tag mit dir zu teilen und freue mich auf alles, was wir dieses Jahr noch erleben werden.

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