Zu Besuch in Weimar – der Stadt meiner Kindheit – und die Frage: Was ist Heimat?

Was ist Heimat

Viele Jahre war Heimat für mich ein Begriff, mit dem ich wenig anfangen konnte. Altmodisch und konservativ und traditionsverhaftet. Etwas für Menschen, die ihr Leben an nur einem Ort verbringen und das wollte ich nicht. Ich wollte die Welt kennenlernen.

Lange Zeit dachte ich, dass man sich überall heimisch fühlen kann. Dementsprechend oft bin ich auch umgezogen und habe schon an vielen Orten gelebt. Aber die Emotionen, die ich damit verbinden, waren ganz unterschiedlich. Einige sind mir ans Herz gewachsen, an anderen Stellen wohnte ich zwar, aber von Wohlfühlen war keine Rede. So wirklich die Zusammenhänge erkannt habe ich erst rückblickend.

In meinen jüngeren Jahren habe ich diese Mobilität, die heute so selbstverständlich erwartet wird, wenig in Frage gestellt: Ein neuer Job und ein Umzug waren relativ normal. Irgendwann merkte ich aber, dass ich keine Lust mehr hatte, einfach so hin- und hergeschoben zu werden.

Die Orte, an denen man lebt, die machen etwas.

Die hinterlassen Spuren. Da gibt es Städte, die ein ganz warmes Gefühl erzeugen, wenn man nur an sie denkt. In Hamburg habe ich wahnsinnig gerne gelebt. Ich mochte einfach alles: die Nähe zum Wasser, das Lebensgefühl, die Stadt an sich. Auch London ist unvergessen, unvergleichlich, heiß geliebt.

Es gab aber auch echte Tiefschläge. Mit Bad Berleburg bin ich nie warm geworden. Dort habe ich Abitur gemacht und meine Schulkameraden mochte ich sehr. Aber das kleine Städtchen in Siegen-Wittgenstein, das war einfach nichts für mich. Selbst Düsseldorf, wo ich meinen ersten Job hatte, war rein emotional betrachtet eher belanglos. Es war dort okay, aber mehr auch nicht.

Als es vor mehr als zehn Jahren darum ging, für meinen letzten angestellten Job nach Mainz zu ziehen, sträubte ich mich. Also wurde ich zum Pendler und verschwendete viel zu viel Lebenszeit auf der Hin- und Rückfahrt, was genauso unerträglich war.

Einer der wesentlichen Gründe, warum ich mich schließlich selbständig machte, war sicher auch, dass ich wieder die Freiheit über die Wahl meines Wohnortes zurückerlangen wollte – unabhängig von Arbeitgebern, Arbeitszeiten und Büroanwesenheitspflicht.

Weimar hat einen liebevollen Sonderstatus

Weimar ist in der Reihe meiner vielen Wohnorte etwas ganz Besonderes. So richtig klar geworden ist mir das erst jetzt, wo ich schon ein bisschen älter bin.

Meine Eltern zogen dorthin, als ich ein Jahr alt war. Weg musste ich mit 17 Jahren, als unser Ausreiseantrag bewilligt wurde. Das hat mich sehr abrupt ins Erwachsensein geschleudert, denn ab da musste ich mit einer für mich neuen Welt zurecht kommen. Da gab es keine Zeit, zurückzublicken.

Wenn ich jetzt in Weimar zu Besuch bin und durch die Straßen gehe, fühle ich mich wieder in meine Kindheit versetzt. Ich bin oft selbst erstaunt, dass ich nach wie vor gefühlt jedes Haus und jeden Baum kenne und im Kopf den gesamten Stadtplan abgespeichert habe. Mich erstaunt auch, dass die ganzen Strukturen und die Atmosphäre doch sehr ähnlich geblieben sind, obwohl sich viel in Weimar getan hat. Alles ist gepflegt, renoviert, die leicht graue Patina des Sozialismus ist verschwunden. Es gibt jede Menge Veränderungen, aber es ist immer noch „mein“ Weimar.

Ist das jetzt Heimat?

Ich glaube schon. Irgendwo habe ich mal die Definition gelesen, dass Heimat ein Ort des tiefen Vertrauens sei. Das empfinde ich auch so. Ich glaube, die emotionale Verbundenheit ist so groß, weil meine frühesten Erinnerungen mit diesem Ort verbunden sind. Ich bin hier aufgewachsen, kenne jeden Winkel und verbinde nur Positives mit der Stadt, so wie ich auch mit meiner Kindheit nur gute Gedanken verknüpfe.

Heimat vs. Homebase

Meine Heimat ist in Weimar und auch wenn ich immer sehr gerne zurückkehre, würde ich dort nicht mehr wohnen wollen. Es gibt auch andere Plätze, an denen ich mich heimisch fühlen kann und wo ich besser hinpasse. Meine Homebase, die ich ganz bewusst für mich ausgesucht habe und das muss nicht automatisch meine Heimat sein und die Stadt, in der ich aufgewachsen bin.

Klar kann es immer mal wieder ein neues Lebenszentrum geben, aber beliebig austauschen lässt sich diese Homebase für mich nicht. Es macht einen großen Unterschied, wie wohl man sich an dem Platz fühlt, den man für sich ausgesucht hat. Und ich glaube, dass es wichtig ist, dass es diesen Ort gibt, denn zumindest für mich wäre das komplette Aufgeben eines Wohnsitzes keine Option. Ich brauche einen klaren Gegenpol zu meinen Reisen. Es muss einen Ort geben, an den ich zurückkehren und verweilen kann, bevor es mich wieder weg zieht.

Klar lebe und arbeite ich auch unterwegs, zuletzt war ich einen Monat auf Bali und ich schätze diese Flexibilität sehr. Aber als konstante Lösung wäre das Leben als Digitaler Nomade für mich nicht geeignet.

Welche Bedeutung hat Heimat für dich?

4 Kommentare

  1. Ich habe 20 Jahre in Goslar gewohnt und meine Eltern wohnen dort noch immer (und werden auch immer dort wohnen). Das ist für mich meine alte Heimat. Für mich war immer klar, dass ich da nach dem Abi weg muss. Und es war auch immer klar, dass ich nicht mehr zurückkommen werde. In Jena und Siegen habe ich studiert. Jena war mir von der ZVS aufgebrummt worden, nach Siegen wechselte ich freiwillig. Keine schöne Stadt, aber ich hatte dort tolle Freunde und die Uni hat mir auch gefallen. Heimisch habe ich mich trotzdem nicht gefühlt. Aachen hat mich sofort von sich überzeugt. Mittlerweile wohne ich hier fast zehn Jahre und für mich ist Aachen meine Heimat. So wohl wie hier habe ich mich an noch keinem Wohnort gefühlt und ich wäre sehr, sehr traurig, wenn ich hier wegziehen müsste.

    • Bei mir unterteilen sich die Wohnorte auch in Highlights, Lowlights und „ist okay“. Leider hat es Aachen bei mir nur in den „ist okay“-Status geschafft. Dass dir Siegen nicht gefallen hat, wundert mich kein bisschen. Nur gut, dass es die Freunde bei dir ausgeglichen haben! Vielen lieben Dank, dass du deine Stationen hier aufgeschrieben hast!

  2. Eine gute Frage… Heimat hat für mich genau so wie für Dich auch viel mit Gefühl zu tun.
    Das Dorf, in welchem ich aufgewachsen bin, ist für mich die „alte Heimat“. Vieles kenne ich noch, einiges vermisse ich, vieles hat auch geändert und ist fremd geworden… Auch wenn ich mich noch immer als „Landei“ sehe, bin ich da irgendwie herausgewachsen.
    Im jetztigen Dorf fühle ich mich wohl, möchte bleiben und ja, vielleicht ist es jetzt meine Heimat? Ich bin nicht sicher.
    Dann gibt es noch meine Herzensheimat im schönen Emmental, wo ich oft in den Ferien war und mir auch irgendwann einmal „mehr“ vorstellen könnte. Und meine „zweite Heimat“ Malta, wo ich einmal drei Monate gelebt und seither auch viel Zeit verbracht habe, und ebenfalls meine „zweite zweite Heimat“ Guernsey, wo ich auch drei Monate gelebt habe…
    Einfach ist das nicht mit der Heimat – aber das muss es auch nicht.
    Meiner Meinung nach bleibt mit der verbrachten Zeit immer auch ein Teil des Herzens zurück und wird ein Ort ein Stück weit Heimat: man kennt dort Leute, Orte, Gerüche, Insidertipps, Eigenheiten… Und hat Erinnerungen, die etwas bedeuten.
    Wirklich ein spannendes Thema! Liebe Grüsse, Miuh

    • Ja, einfach ist das nicht mit der Heimat. Das merke ich auch. Für mich ist auch neu, dass es für mich mittlerweile Teil meiner Identifikation ist, nachdem ich mich sehr lange Zeit eher über das Reisen und unterwegs sein definiert habe. Lieben Dank für Deinen persönlichen Einblick und viele Grüße zurück!

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