Zu Gast bei Einheimischen – Wie nachhaltig sind Homestays? [Gastartikel]

wie nachhaltig sind Homestaus

Reisen und dabei Gutes tun – wer will das nicht? Nachhaltigkeit auf Reisen beginnt schon bei der Wahl des Reiseortes und hört bei der Rückkehr noch nicht auf. Auch die Unterkunft kann mehr oder weniger nachhaltig ausfallen.

Gerade im Ökotourismus und im ländlichen Tourismus gelten Homestays als nachhaltige Alternative für die Übernachtung im Hotel. Du kommst bei einer privaten Familie auf dem Land unter, lernst ihre Lebensweise und ihre Kultur so richtig kennen, isst lokale Mahlzeiten und nimmst vielleicht noch an einer landwirtschaftlichen Tätigkeit teil. Klingt erst mal super nachhaltig, aber auch hier gibt es ein paar Haken. Wie nachhaltig sind Homestays?

Kann man Nachhaltigkeit messen?

Im Schulbuch besteht Nachhaltigkeit aus den drei Säulen der Ökonomie, Ökologie und dem sozialen Umfeld. Nur wenn eine Tätigkeit es allen drei Bereichen erlaubt, auch in mehreren Generationen noch zu funktionieren, kann man sie wirklich als nachhaltig bezeichnen.

Bei einem (fiktiven) Hotel kann man also davon ausgehen, dass es wirtschaftlich so angelegt ist, dass es auch in mehreren Jahren noch Ertrag bringt. Aber ein beheizter Pool, täglich frische Handtücher und importierte Mahlzeiten machen der Umwelt zu schaffen. Und oft wird die lokale Bevölkerung entweder zu unfairen Gehältern angestellt oder ganz abgekapselt.

Im Vergleich dazu sieht ein Homestay wie eine gute nachhaltige Alternative aus. Aber so einfach ist es leider nicht.

Schulgebäude

Die positiven Nebenwirkungen von Homestay-Programmen

Inklusion

Wird in einer ländlichen Gegend ein Homestay-Programm etabliert, tun sich oft mehrere Familien zusammen. Sie überlegen sich Regeln für alle Beteiligten und organisieren sich. Ganz normale Menschen oder manchmal sogar marginalisierte Gruppen oder Minderheiten bekommen plötzlich die Möglichkeit, zusätzlich zu ihrer Arbeit Geld zu verdienen. Und das, indem sie ihre Kultur und ihre Lebensweise, die sonst eher abgewertet wird, leben und präsentieren dürfen.

Lokales Essen

Die Verpflegung besteht zum größten Teil aus dem lokalen Angebot. Auf den Tisch kommt, was im Garten und auf dem Feld wächst und was es auf dem Markt zu kaufen gibt. Auch die Gäste essen mit.

Frisch gemixter Saft

Naturschutz

Oft kommen die Besucher auch wegen der Naturerlebnisse. Sie möchten bestimmte Tierarten sehen, zum Beispiel Nashörner, und den Wald oder die Wasserfälle hinter dem Dorf erkunden. Das erhöht die Motivation der Menschen vor Ort, Abholzung einzudämmen und die Natur zu schützen. Müllsammelaktionen bekommen plötzlich einen tieferen Sinn, weil Touristen viel eher in ein sauberes Dorf kommen.

Austausch

Manchmal steht ein Besuch oder auch die Mithilfe auf dem Feld auf dem Programm. Für die Gäste ist es ein Abenteuer, für die Gastgeber bedeutet dies Hilfe im Alltag. Man tauscht sich aus und im Idealfall lernt man voneinander, und wenn es nur ein Rezept, ein paar Wörter in der anderen Sprache, eine besondere Tätigkeit oder eine Reparatur sind.

Hilfe beim Melken

Zusätzliches Einkommen

Das Geld, das die Gäste bezahlen, ist ein leichter Nebenverdienst und hat in manchen Gegenden die familiäre wirtschaftliche Situation angekurbelt. Plötzlich steht mehr Geld zur Verfügung, das in den Ausbau des Hauses für mehr Gäste gesteckt werden kann, oder in die Eröffnung einer zusätzlichen wirtschaftlichen Nebentätigkeit.

Teilweise wird das Programm von einer Institution organisiert, die bei steigender Nachfrage mehr Personal einstellt. Das bietet mehr Arbeitsplätze, auch für Mitglieder marginalisierter Gruppen.

Weiterbildung

Es werden Weiterbildungen angeboten. Die Gastgeber können ihre Tourismuskenntnisse vertiefen oder lernen, wie sie sich als kleine Gemeinschaft besser organisieren können. Auch über das Anlegen oder Investieren des zusätzlich verdienten Geldes können sie etwas erfahren.

Geringer Marketing-Aufwand

Gerade wenn die Homestays von einer Institution, einer Eco-Lodge oder ähnlichem vermarktet werden, entstehen für die Gastgeber selbst fast keine Marketing-Kosten. Viele Gäste kommen, weil sie über die Homestays in Magazinen oder Reiseführern gelesen haben, und die wirksamste Werbung ist wie immer die Empfehlung von Freunden, die bereits selbst Gäste waren.

Stärkung der kulturellen Identität

Die Touristen kommen außerdem, um einen Einblick in die Kultur und die Lebensweise zu erhalten. Die bekommen plötzlich einen ganz neuen Wert. Sie lassen sich verkaufen. Tänze werden vorgeführt, alte Bauweisen praktiziert, Traditionen aufrechterhalten. Altes Handwerk wird wiederbelebt, weil die Produkte als Souvenirs verkauft werden können. All das wird außerdem an die nächste Generation weitergegeben und bleibt erhalten.

Empowerment

Homestay-Programme sind sehr oft Graswurzel-Bewegungen. Sie werden von unten her aufgebaut und die Gastgeber organisieren sich in Eigenregie und mit wenig Einfluss von oben, von der Regierungs- und Verwaltungsebene. Als etablierte Organisation können sie sich dann an die nächste Instanz wenden und zum Beispiel den Straßenbau, fließend Wasser oder die Stromversorgung initiieren. Das bringt enorme Verbesserungen in der Lebensqualität für alle Anwohner, die zuvor unerreichbar schienen.

Gemeinschaft

Auch die Dorfgemeinschaft wird dadurch sehr positiv beeinflusst. Die Menschen tauschen sich aus und helfen sich gegenseitig bei Problemen im Zusammenhang mit dem Homestay-Programm. Sie starten gemeinsame Aktionen wie eine Marketing-Kampagne oder eine Müllsammelaktion im Dorf. Sie organisieren Feste und Märkte für die Gäste und empfehlen sich gegenseitig weiter. Damit tragen die Homestays zu einem ganz neuen Gemeinschaftsgefühl im Dorf bei.

Dorfhaus

Nachteile von Homestay-Programmen

Natürlich gibt es zu fast jedem positiven Punkt auch einen Nachteil zu nennen.

Exklusion

Es gelingt nicht immer, alle in der Gesellschaft mit in das Programm einzubeziehen. Familien, die kein extra Zimmer für Gäste anbieten können, bleibt der zusätzliche Verdienst verwehrt, den gerade sie so gut brauchen könnten. Soziale Gerechtigkeit kommt hier also ungewollt zu kurz. Auch wandern viele junge Leute aus den ländlichen Gegenden weltweit ab in die Städte. So bleibt mancherorts nur die ältere Generation für die Verwaltung der Homestays übrig. Dabei ist ja gerade die Erhaltung über Generationen hinweg so wichtig für ein nachhaltiges Projekt.

Ökotourismus boomt und wird als zusätzliche Geldquelle wahrgenommen und genutzt, was nicht weiter schlimm ist. Aber ein Zertifikat für eine Unterkunft zu bekommen, kann ein sehr teurer und langwieriger Prozess sein. Auch dafür haben gerade Minderheiten weder Zeit, Geld noch Kapazitäten. Damit bekommen sie keinen Zugang zu diesem zusätzlichen, eigentlich so nachhaltigen Ertrag.

Gefährdung von Gesellschaft und Ökosystem

Mehr Besucher in der umliegenden Natur und im Dorf erhöhen generell den Druck auf funktionierende soziale Gebilde und Ökosysteme. Mehr Gäste bringen mehr Müll und Luftverschmutzung durch An- und Abreise. Sie verbrauchen mehr Wasser und gefährden die Biodiversität. Der Straßenbau, der erst mal begrüßt wird, kann zu Erdrutschen führen.

Schwierigkeiten der Organisation

Es braucht wirkungsvolle Verhaltensregeln für Gäste, Gastgeber und alle anderen Beteiligten, um diese Systeme zu schützen und den Aufenthalt nachhaltig zu gestalten. Und solche Verhaltensregeln und Wertekataloge müssen erst mal aufgestellt werden. Das braucht Zeit, Kenntnis und die Beteiligung aller.

Rassismus und Diskriminierung

Was in manchen Studien als Stärkung und Bestätigung der lokalen Identität gefeiert wird, wird woanders stark kritisiert. Homestays und die Betonung der Authentizität der lokalen Traditionen sei institutionalisierter Rassismus, der bloß die Primitivität der Menschen betont. Quasi ein Streichelzoo mit Menschen.

Politischer Einfluss

An einigen Orten sind Institutionen oder Organisationen wie eine Eco-Lodge hilfreich für die Vermittlung und Vermarktung von Homestays. Anderswo fungieren sie als sogenannte Gate-Keeper. Da jeder seine eigenen Interessen verfolgt, können manche Menschen mit gewissem Einfluss einer Gruppe den Zugang zu diesen Programmen erleichtern und anderen erschweren.

Auch die lokale Verwaltung und Politiker*innen nehmen hin und wieder Einfluss, was nicht allen Menschen vor Ort gleichwertig zugute kommt. Hier spielt wieder Ökotourismus als Geldquelle eine Rolle.

In manchen Ländern gibt es Fonds, die solche Programme unterstützen, wenn sie sich um finanzielle Mittel bewerben oder Anträge stellen. Jeder will ein Stück vom Kuchen und versucht natürlich, andere davon abzuhalten. Da fällt die Verteilung schnell sehr ungerecht und einseitig aus.

Marketing vs. Realität

Die Rhetorik, dass Homestays nachhaltige Entwicklung und den Zugang benachteiligter Menschen zum Tourismus fördern, unterscheidet sich also oft sehr stark von der Wirklichkeit vor Ort, die wesentlich komplexer und an viele Faktoren gebunden ist.

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

Die Faktoren, die der Nachhaltigkeit von Homestays im Wege stehen, sind also ebenso zahlreich wie die Argumente für die Nachhaltigkeit dieser Form von Unterkunft.

Es ist wie immer: Es gibt gute und schlechte Seiten. Und als Reisende müssen wir eine Entscheidung fällen. Und zwar zwischen unzähligen Möglichkeiten.

Nur weil eine Eco-Lodge fünf Zertifikate und zwanzig Auszeichnungen nachweisen kann, muss sie nicht nachhaltiger sein als ein unbekanntes Hotel, das eigentlich nur für durchreisende Landsleute gebaut wurde.

Wenn du in einem Hotel lokales Essen bestellst, deine Handtücher nicht jeden Tag waschen lässt, die Lichter ausmachst und statt der Klimaanlage einfach die Fenster benutzt, hast du ganz individuell schon ein bisschen was zum Klimaschutz beigetragen.

Ein paar Nächte bei einer Familie vor Ort können eine sehr bereichernde Erfahrung sein und du kannst mit dem Gefühl abreisen, zumindest positiv zu ihrem Lebensunterhalt beigetragen zu haben. Das Erlebnis kann aber auch grotesk ausfallen und du kommst dir vor wie bei einer touristischen Kulturveranstaltung. Das ist so, weil Homestays immer beliebter und eben touristischer werden.

Hausbau

Worauf du beim Reisen achten kannst

Wenn dir die Nachhaltigkeit deiner Unterkünfte am Herzen liegt, kannst du sie auf die drei Säulen der Nachhaltigkeit hin überprüfen. Siegel, Zertifikate und Auszeichnungen sind ein möglicher Anfang. Aber sie sind auch Ausschlusskriterien z. B. für kleinere Unterkünfte.

Ökologie

Was gibt es zu Essen in der Unterkunft? Wie viel Müll wird produziert und wie wird damit umgegangen? Wie hoch ist der mögliche Stromverbrauch? Gibt es Klimaanlagen, Kühlschränke, Fernseher? In welchem Umfeld steht die Unterkunft und welche Ressourcen wurden beim Bau eventuell benutzt oder aufgebraucht?

Kann die Natur diese Art von Unterkunft noch in ein paar Jahren und Generationen aushalten?

Ökonomie

Wohin fließt der Löwenanteil der Erträge? Was verdienen Angestellte? Was passiert konkret mit deinem Geld?

Kann diese Art von Unterkunft auch in ein paar Jahren und Generationen rentabel sein?

Soziales

Wer ist beteiligt und betroffen von deinem Besuch? Wer ist ausgeschlossen? Was macht diese Unterkunft mit dem sozialen Gebilde, in dem sie existiert?

Kann die Gesellschaft diese Art von Unterkunft auch noch in ein paar Jahren und Genrationen aufrechterhalten?

Vorsicht vor dem erhobenen Zeigefinger!

Wenn du dir diese Fragen stellst und nach den Antworten suchst und bohrst, wirst du schnell merken, dass du nicht immer weiter kommst. Du wirst kaum Einblick in die Finanzen einer Unterkunft bekommen. Gerade in anderen Kulturen und als Gast steht es uns auch gar nicht zu, nach der Verwendung von Geld zu fragen.

Die oben genannten Fragen können eine Orientierung sein. Aber gerade in Homestays sind wir Reisende Besucher und Gäste, und nicht die Nachhaltigkeitspolizei.

Am Besten, du lässt dich auf die Erfahrung ein und entscheidest hinterher, ob du einen Besuch in einer Homestay-Familie als nachhaltige Unterkunft weiterempfiehlst, und wann du lieber nach Alternativen suchst. Eines bleibt jedoch definitiv nachhaltig, und zwar auf jeder Reise und in jeder Unterkunft: die Erfahrung, die du persönlich machst.


Dieser Gastartikel stammt von Laura von MIND SET TRAVEL.

Laura pendelt mit ihrer Familie zwischen Kenia und der Welt und übernachtet dabei am liebsten bei (potentiellen) Freunden. Sie glaubt fest daran, dass Achtsamkeit und Ehrlichkeit über eigene Vorurteile die Reiseerfahrung nur vertiefen. Auf mind-set-travel.com inspiriert sie mit ihren authentischen Geschichten. In ihrem Kurs VorFreudeBereitung (mind-set-travel.com/vorfreude) hilft sie dir, deine nächste Reise ganz entspannt und verantwortungsbewusst zu planen.

Hier findest du mehr Tipps zum Thema nachhaltiges Reisen und einige Argumente, warum du nachhaltiges Reisen einmal für dich ausprobieren solltest.

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