Staub zu Staub – Der Klimawandel in Tansania (und mehr persönliche Eindrücke zur Situation im Land)

Klimawandel in Tansania

Nach meiner bisherigen Erfahrung kann man einen Trip durch ein afrikanisches Land ist zwei Kategorien einteilen. Da ist einerseits das touristische Erlebnis. Game Drive in den Nationalparks, abgeschottet in einem Landcruiser und mit einem erfahrenen Guide an der Seite. Landschaft, Tiere und ein Hauch von Abenteuer. Man wird sicher von Lodge zu Lodge transportiert und geniesst zum Sonnenuntergang seinen Drink. Aufmerksames Personal, köstliches Essen, echtes „Out of Afrika“-Feeling.

Das ist schön, aber hat mit dem echten Leben der Menschen dort überhaupt rein gar nichts zu tun. Deshalb habe ich mich andererseits bemüht, ein wenig hinter die Kulissen zu schauen. Ein bisschen davon mitzubekommen, welche Themen und Probleme die Menschen beschäftigen. Ich bilde mir nicht ein, in zwei Wochen ein tiefes Verständnis für das Landes erworben zu haben. Aber wenn man sich mit offenen Augen bewegt und mit ein paar Einheimischen spricht, kann man schon einige Eindrücke gewinnen – manche davon sind recht niederschmetternd.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich bin gern auf Safari und habe meinen Trip nach Tansania auch deshalb gebucht, weil ich unbedingt die Tierwelt und Natur Ostafrikas sehen und erleben wollte. Als Generation, die noch mit Professor Grzimek aufgewachsen ist, waren Serengeti und Ngorongoro die Synonyme, an denen sich mein kindliches Fernweh festgemacht hat. Einmal wollte ich selbst am Kraterrand stehen und in die weite Ebene hinabschauen. Einmal die Tierherden in der Serengeti erleben.

Das ist Wirklichkeit geworden und ich möchte dieses Erlebnis nicht missen. Deshalb wird es hier auch noch ausführliche Berichte über die Nationalparks geben. Aber es lohnt sich, darüber hinaus einen Blick auf den Lebensalltag in Tansania zu werfen. Deshalb will ich hier auch ein paar nicht-touristische Themen anreissen, die mich beschäftigt haben und mir unter die Haut gegangen sind.

Der Klimawandel in Tansania

Das war eine Erkenntnis, die mich wie ein Faustschlag getroffen hat: der Klimawandel mit allen seinen Auswirkungen ist in Tansania bereits Realität. In keinem anderen Land ist mir das vorher mit dieser Brutalität bewusst geworden. Schon innerhalb von zwei Wochen konnten wir die Schwankungen miterleben oder haben davon erzählt bekommen. Die Temperaturen zeigen einen deutlichen Aufwärtstrend. Während in der Regenzeit die Niederschläge teilweise komplett ausbleiben und es zu langanhaltenden Dürren kommt, gehen in der Trockenzeit plötzlich heftige Regenfällen nieder, die Überschwemmung und Bodenerosion zur Folge haben.

Welche komplexen Auswirkungen das hat, kann ich hier nur groben Zügen wiedergeben: Ernten verfaulen oder vertrocknen, die Wasserversorgung leidet und es gibt Engpässe in der Energieversorgung. Die ohnehin nicht besonders stabilen Straßen und Brücken werden weggespült. Der steigende Meeresspiegel bedroht die Küstenregionen. Aber nicht nur die Menschen leiden, das ganz Öko-System ist in Gefahr. Der Gletscher auf dem Kilimandscharo schmilzt und der Migrationsrhythmus gerät durcheinander. Es gibt Schätzungen, nach denen bis 2080 ein Drittel der Tier- und Pflanzenarten verschwunden sein werden.

Welche Auswirkungen hat das für uns?

Für mich persönlich kann ich sagen, dass mich diese Reiseerfahrung sehr nachdenklich gestimmt hat. Der Klimawandel hat für mich plötzlich nicht mehr abstrakt, sondern hat ein sehr reales Gesicht bekommen. Obwohl wir schon sehr reduziert und umweltbewusst leben, ist mir bewusst geworden, wie wichtig es ist, dass ich meine persönlichen Konsum- und Lebensgewohnheiten weiterhin kritisch überdenke. Die eine oder andere Verbesserung ist da sicher noch drin. (Lesetipp: Immer wieder gute Ideen & neue Denkanstöße finde ich z.  B. im enorm-Magazin.)

Dazu noch eine Zahl, die ich sehr nachdankenswert finde. Afrikas eigener Beitrag zur weltweiten Treibhausgasemission liegt mit ca. 3 Prozent sehr niedrig. Allein in Deutschland werden pro Kopf jährlich etwa zehnmal so viele Treibhausgase ausgestoßen, wie im subsaharischen Afrika.

Was das Reisen angeht, lässt sich jetzt schon sagen, dass man sich eigentlich kaum noch an den althergebrachten Klimatabellen orientieren kann. Obwohl wir zur Trockenzeit unterwegs waren, gab es wiederholt starken Regen, der das Autofahren schwierig bis teilweise fast unmöglich gemacht haben.

Schulbildung in Tansania

Kinder, die Viehherden hüten, statt in die Schule zu gehen – das ist eine Anblick, dem ich leider häufig begegnet bin. Was Bildung betrifft, ist die Situation in Tansania nach meinem Eindruck ziemlich schlecht. Uns wurde erzählt, dass in den vergangenen Jahren mit internationalen Subventionen landesweit 5.000 Schulen gebaut wurden. Die Gebäude wurden jedoch teilweise nicht mal in Betrieb genommen, weil es an Lehrern sowie Büchern und Lehrmaterial fehlt. In ländlichen Gebieten kommen teilweise auf einen Lehrer 90 Schüler oder mehr. Da ist es fast klar, dass die meisten Kinder nur wenig lernen und teilweise nicht mal richtig lesen und schreiben können.

Bevölkerungswachstum in Tansania

Eine Frau, die keine Kinder hat – das ist ein Konzept, dass in Tansania Unverständnis und erstauntes Kopfschütteln hervorruft. Entsprechend oft wurde mir auch nahegelegt, unbedingt für Nachwuchs zu sorgen, sobald im Gespräch heraus kam, dass ich keine Mutter bin. In Tansania liegt die Geburtenrate bei gut 5 Kindern pro Frau. Die Bevölkerung steigt jährlich um 3 Prozent. Was aber nicht mitwächst, ist das Potential, für alle diese jungen Menschen zu sorgen. Wo die Zahl der Kinder schneller ansteigt als Schulbildung, Lebensmittelversorgung und Arbeitsmöglichkeiten, verschlechtert sich die Lage eines ganzen Landes stetig.

Wie hängt die demographische Entwicklung zusammen mit Bildung, der Stärkung von Frauenrechten, medizinischer Versorgung, Aufklärung & Zugang zu Verhütungsmittel und nicht zuletzt dem persönlichen Entwicklungspotential der Menschen und ganzer Gesellschaften? Wer mehr dazu lesen möchte: Interessant, ausführlich und gut verständlich aufbereitet ist das Thema in einer Studie der Stiftung Weltbevölkerung: Afrikas demographische Herausforderung

Traditionen? Da halte ich mich fern.

Wenn man nach Tansania reist, begegnet man Brauchtumspflege allerorten. Vor allem die Maasai sind diesbezüglich sehr präsent und man kann sich als Tourist die „traditionelle Lebensweise“ vorführen lassen. Ich habe mich jeder folkloristischen Präsentation entzogen und das hat einen guten Grund:

Ich finde es nicht gut, wenn Traditionen als Rechtfertigung dafür herhalten, dass z. B. Kinder arbeiten müssen, Frauen beschnitten und zwangsverheiratet werden, Bildung keinen Stellenwert hat und der Wandel des Lebensumfeldes ignoriert wird.

So ist es nach wie vor so, dass sich das Prestige eines Mannes aus der Anzahl seiner Rinder und Frauen ergibt. Das führt dazu, dass die Herden an (halb verhungerten) Rindern, Schafen und Ziegen so groß wie nur möglich sind – ganz egal, ob das Land sie ernähren kann. Die Klimaproblematik und häufigen Dürren führen zusammen mit der permanenten Überweidung (die Ziegen fressen selbst die letzten Wurzeln) zu einer dauerhaften Zerstörung und Erosion des Bodens. Ein nennenswertes Umdenken findet nur sehr langsam statt. Die Kinder müssen die Herden hüten, statt zu Schule zu gehen. Frauen spielen in der Gemeinschaft keine Rolle und haben kein Mitspracherecht, ja nicht einmal Namen.

Globale Themen, die uns alle angehen

Diese Informationen stammen übrigens großteils von unserem Guide, der selbst zu den Maasai gehört. Er kommt aber aus einer Familie, die für moderne Ideen aufgeschlossen war. Schule ist für ihn ein Grundrecht für alle Kinder und er ist selbst permanent bemüht, Neues zu lernen und zu verstehen. Der Ansatz, dass sich die althergebrachte Lebensweise ändern muss, stammt also durchaus aus den eigenen Reihen. Genauso gut, wie wir viele Menschen gesprochen haben, die sich über den Klimawandel im Klaren sind und über die anderen Probleme, denen sich Tansania stellen muss. Dieser Artikel ist also nicht dazu da, die negativen Seiten anzuprangern, sondern das Augenmerk auf Themen zu lenken, die uns letztendlich alle angehen.

Ein wichtiger Aspekt des nachhaltigen Reisens, wie ich finde: wie sieht das Leben aus auf anderen Kontinenten und was bedeutet das für mich? Viele vorher eher abstrakte Vorsätze wie z. B. der Verzicht auf übermäßigen Konsum finde ich persönlich ganz leicht, wenn ich mit eigenen Augen gesehen habe, wie die Relikte unseres Shoppingwahns als Second-Hand-Ware auf den Märkten von Arusha an die Bevölkerung verkauft werden.

Dieser Artikel auch nur ein kleiner und sehr persönlicher Blick auf ein sehr komplexes Gesamtthema. Jeder macht auf Reisen ganz unterschiedliche Erfahrungen und zieht vermutlich auch ganz verschiedene Schlussfolgerungen. Von daher freue ich mich auch über Anmerkungen und Ergänzungen in den Kommentaren.


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2 Kommentare

  1. Als Entwicklungshelfer kenne ich die Problematik einiger afrikanischer und asiatischer Länder. Die Überbevölkerung und alle daraus resultierenden Probleme sind das Kriterium, an dem diese Länder arbeiten müssen. Doch dem steht leider das Unwissen, besonders der älteren, männlichen Dominanz entgegen. Wenn die Familienoberhäupter keine 6- oder acht Kinder gezeugt haben, fühlen sie sich nicht standesgemäß. An die Qualen und Überforderung der Frauen verschwendet man keine Gedanken.
    Und in Ländern wie Äthiopien und Tansania, wo ein großer Bevölkerungsanteil römisch-katholisch ist, steht die Kirche der Verhütung rigoros entgegen. Dazu kommt auch noch die uralte Denkweise, dass einem guten Gast eine der eigenen Frauen als „Verschönerin der Nacht“ überlassen wird, wodurch auch die Verbreitung von Aids gefördert wird, denn Kondome werden weitgehend auch abgelehnt.
    Es besteht ein gewaltiges Entwicklungsgefälle von Nord nach Süd. Damit meine ich zwischen den Baltischen- und vielen Afrikanisch/Asiatischen Ländern. Aus eigener Anschauung kann ich die Unterschiede beurteilen. Und ich erlebte es, dass ein jüngerer, etwas gebildeterer Mitarbeiter in Äthiopien erkannte, dass seine vier Kinder die Obergrenze seien. Obwohl das nach meiner Meinung noch immer zu viele sind bei der Situation in dem Land. Aber das wäre zumindest ein Anfang, wenn sich die Denkweise verbreiten würde.
    Demnächst werde ich für den SES in der Mongolei tätig sein. Die Mongolei rechnet sich zu einem Schwellenland, ist also mit afrikanischen Verhältnissen schwerlich zu vergleichen. Doch das Land der Nomaden besitzt kaum Industriebetriebe, lediglich der Bergbau und in gewissen Umfang Tourismus bringt einige Deviseneinnahmen. Handwerksbetriebe soll es nach meinem Wissensstand so gut wie keine geben, Nomaden sind Selbstversorger wie die Bauern vor hunderten von Jahren in Europa auch. Jetzt soll versucht werden, Leute auszubilden, welche dann in der Lage sein werden, die Beschuhung der Nomaden und Bergarbeiter zu verbessern, und man will sich von minderwertigen Importen aus China und Russland unabhängig machen.
    Ich bin gespannt, was mich in diesem Land erwarten wird. Mit einer Bevölkerungsexplosion wie in den vorgenannten Ländern hat die Mongolei jedenfalls nicht zu kämpfen, eher vorläufig mit dem Gegenteil, denn es ist das am dünnsten besiedelte Land der Erde. Aber durch seine geografische Lage hat es große Probleme, seine gewaltigen Erzlagerstätten kostengünstig ausbeuten und exportieren zu können. Ich begebe mich auf die Spuren Dschingis Khans.

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